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La Seine à Tournedos
  • Félix Vallotton
  • La Seine à Tournedos, 1922

  • Öl auf Leinwand
  • 81 x 65.5 cm
  • signiert und datiert unten links: "F. VALLOTTON . 22"
  • Kunstmuseum Luzern, Depositum der BEST Art Collection Luzern
  • Inv.-Nr. M 96.2x
  • © Kunstmuseum Luzern
  • Jahr von: 1'922
  • Jahr bis: 1'922
Werkbeschrieb
Provenienz
Ausstellungsgeschichte
Literatur
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Der Begriff der "paysage composé" spielt im Spätwerk Vallottons eine wichtige Rolle. Der Künstler versteht darunter Landschaften, die zwar auf Beobachtungen in der Natur beruhen, die aber nicht die sichtbare Wirklichkeit wiedergeben sollen. Er verwendet dazu häufig in der Natur entstandene Skizzen, mit Hilfe derer er das Bild später im Atelier ausführt. Die Skizze selbst zeichnet sich dabei bereits durch eine Verdichtung der wesentlichen Teile aus, sie hilft, aus der tatsächlich geschauten Landschaft „ein idealtypisches Abstraktum der Wirklichkeit“ (Werner Hofmann) entstehen zu lassen. Vallotton benützt die Wirklichkeit als Baumaterial, aus dem er seine eigene Bildwirklichkeit erschafft. Ein grosser Anteil der Bildlemente ist deshalb zusammengesetzt oder stark interpretiert. In seinem Tagebuch drückt er es selbst so aus: „Ich träume von einer Malerei, die von jedem wörtlichen Respekt für die Natur befreit ist, ich möchte die Landschaften einzig mit Hilfe der Emotion wiedergeben, die sie in mir hervorgerufen haben, einige aussagekräftige Linien, ein oder zwei ausgewählte Details, ohne den Aberglauben der Exaktheit von Tageszeit oder Lichtverhältnissen“ (Documents, Vol. III, S. 128). Diese Absicht muss man sich vergegenwärtigen, wenn man Landschaftsbilder mit konkreten Ortsangaben einer bestimmten Position des Malers zuordnen will.

Auf seiner Reise nach Honfleur macht Vallotton im Juni 1922 einen Zwischenhalt in Tournedos. Hier bezieht er für zwei Wochen bei einem gewissen Monsieur Violletre Pension. Es entstehen mehrere Zeichnungen. Kaum in Honfleur angekommen setzt er diese in insgesamt sieben Gemälden um. Es ist eine Serie, die sich durch eine ähnliche Farbigkeit und, bis auf das letzte der Serie, durch ein identisches Bildthema auszeichnet. Immer ist die Seine zu sehen, einmal mit einem Uferweg, einmal mit dem Blick quer über den Fluss an das gegenüberliegende Ufer und die Hügel und Felsen. Nur auf einem Bild ist ein Fussgänger dargestellt, der auf einem Fahrweg den Fluss entlang schreitet. Auf einer erhaltenen Skizze hat Vallotton den Eintrag „Silence“ angebracht. Und von dieser Stille ist auch das Gemälde in der Sammlung des Kunstmuseums getragen, wenn auch bereits einen neue Wolke hinter dem Hügel aufzieht.

Christoph Lichtin