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Selfportrait in three pieces
  • Urs Lüthi
  • Selfportrait in three pieces, 1974

  • Fotografie auf Leinwand, 3-teilig
  • je 140 x 93.5 cm
  • Kunstmuseum Luzern
  • Inv.-Nr. 252q
  • © Urs Lüthi
  • Jahr von: 1'974
  • Jahr bis: 1'974
Werkbeschrieb
Provenienz
Ausstellungsgeschichte
Literatur

In seinen fotografischen Selbstporträts verwendet Lüthi traditionelle Ordnungen wie das Diptychon oder das Tryptichon, das ursprünglich als zweigeteiltes resp. dreiteiliges, bisweilen sogar zusammenklappbares Bild vor allem für Andachts- oder Altarbilder Verwendung fand. Diese Bildanordnungen stehen für ein zentrales Grundprinzip seiner Gestaltung, da sie an sich unterschiedliche Bildinhalte in einen unmittelbaren Zusammenhang zu stellen vermögen. Die Kombination von mehreren Bildern erzeugt eine Gegenüberstellung verschiedener Wirklichkeitsebenen. Es handelt sich bei diesen mehrteiligen Werken nicht um narrative Bildfolgen, vielmehr ist das Ensemble von mehreren Bildern als eine Gleichzeitigkeit unterschiedlicher Befindlichkeiten zu verstehen. Im „Selfportrait in three pieces“ verleiht die Gegenüberstellung von Gegenständen, unscharfen Fotografien im Mittelbild und dem Mann mit nacktem Oberkörper rechts eine irritierende Doppelbödigkeit und steigert die Ambiguität, die für Lüthis Werk so typisch ist. Auch wenn die Leinwandfotografien formal mit den gleichzeitig entstandenen Selbstporträts in enger Beziehung stehen, unterscheidet sich diese Arbeit doch wesentlich dadurch, dass Lüthis Person aus der Mitte gerückt ist und das Ensemble relativ disparat wirkt. Es scheint als hätten wir nur drei Teile von einem insgesamt umfassenderen Zyklus vor uns. Die Fotografien wirken wie Stills einer filmischen Erzählung.

Um welche filmische Narration im Kleid des Film noire könnte es sich hier handeln? Zu erwähnen ist, dass beide Protagonisten dieser Erzählung verdeckt bezw. anonymisiert gezeigt werden (auch wenn klar ist, dass es sich um den Künstler selbst und seine Partnerin Elke Kilga handelt). Der schwarze Balken vor dem Gesicht des Mannes verdeutlicht, dass es sich um ein öffentlich gemachtes Bild handelt, bei dem die wiedergegebene Person unkenntlich gemacht wurde, wie es von Opfer- oder Täterdarstellungen bekannt ist. Das gleiche gilt für das mittlere Bild, das zwei nebeneinander an eine Wand fixierte Fotografien zeigt: links ist eine Frau mit Sonnebrille zu sehen, rechts ist ein Fussabdruck zu erkennen. Auch hier ist der Zusammenhang zuerst nicht klar, das Ensemble erinnert jedoch an die Auslegeordnung im Rahmen einer Fahndung zu einem Ereignis, dessen Handlungsablauf noch erschlossen werden muss. In diesem Sinne kann die Schere auf dem Bademantel als Corpus delicti verstanden werden, womit die imaginierte Handlung wohl eher einen tragischen Ausgang genommen hätte.

Die Arbeit steht in unmittelbarem Zusammenhang mit der Fotoserie „The desert is across the street“ (1975), die Urs Lüthi gemeinsam mit Elke Kilga und David Weiss realisiert hat. Auch hier ist die Anlehnung an den Film, etwa durch den starken Licht- und Schatteneinsatz oder hinsichtlich der Close-up-Einstellungen gegeben, ebenso hat die Serie – und zwar in weit grösserem Umfang als das „Selfportrait in three pieces“, da es sich eine insgesamt 30-teilige Arbeit handelt – ein starkes narratives Potenzial.

Christoph Lichtin