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La rivoluzione siamo Noi
  • Joseph Beuys
  • La rivoluzione siamo Noi, 1972

  • Lichtdruck auf Polyesterfolie, Stempel, Auflage: 32/180
  • 192 x 100 cm
  • signiert, bezeichnet und nummeriert unten rechts: "Joseph Beuys / La rivoluzione siamo Noi / 32/180"
  • Kunstmuseum Luzern
  • Inv.-Nr. 86.43z
  • © 2005, ProLitteris, Zurich
  • Jahr von: 1'972
  • Jahr bis: 1'972
Werkbeschrieb
Provenienz
Ausstellungsgeschichte
Literatur

In dieser grossformatigen Fotografie von Giancarlo Pancaldi, die im Oktober 1971 während seines Aufenthalts auf Capri und Anacapri entstand, schreitet Beuys mit einem entschlossenen, ernsten und fast feierlichen Gesichtsausdruck auf den Betrachter zu. Hinter ihm eine Hauswand mit einer geschlossenen Türe, deren Rahmen ihn umfasst: Diese Raumstruktur macht deutlich, dass es nur vorwärts im Sinne Beuys' gehen kann. Das Bild dokumentiert die Promotion der jüngsten politischen Aktivitäten des Künstlers, der 1971 mit der Gründung der "Organisation für direkte Demokratie durch Volksabstimmung" in Düsseldorf sein Konzept der "sozialen Plastik" zu realisieren versucht. Im November hält sich Beuys in Neapel auf, wo er in der Galerie Modern Art Agency von Lucio Amelio anlässlich einer Ausstellungseröffnung die Aktion "Freier demokratischer Sozialismus: Organisation für direkte Demokratie und Volksabstimmung" durchführt. Die "Organisation" ist die Weiterführung in eine breite Öffentlichkeit seiner zuvor auf den Kontext der Kunstakademie beschränkten Lehre.

Mit seinem erweiterten Kunstbegriff, der in der provokativen Formel "Jeder Mensch ist ein Künstler" gefasst wurde, definiert Beuys das Verhältnis von Mensch, Gesellschaft, Politik und Kunst neu. Jeder Mensch, der seine angeborene Kreativität in seinem Alltag und seinen Tätigkeiten bewusst einsetzt, handelt künstlerisch und fördert mit reflektierten schöpferischen Akten sowohl seine persönliche Entfaltung als auch die Gemeinschaft. Dass Kunst in diesem erweiterten Verständnis zu einer neuen Rolle mit universaler Tragweite und revolutionärem Potential gelangt, wird in den von Beuys aufgestellten Gleichungen deutlich: "Kunst = Leben", "Kunst = Mensch", "Kunst = Mensch = Kreativität = Wissenschaft", dies notiert Beuys unter anderem in seinen sogenannten "Partituren" während der Präsentation in Neapel. Er möchte durch eine neue Bewusstseinsform eine von innen und vom Einzelnen ausgehende Revolution bewirken. So kann Beuys postulieren: "La rivoluzione siamo Noi".

Beuys steht für die Umsetzung seiner anthropologisch fundierten Vision mit seiner Person und seinem Schaffen ein. Mit seinem ausgeprägten Sendungsbewusstsein sieht er sich in der Rolle des Leiters – im zweifachen Sinn von Anführer und Vermittler –, der aufgrund seiner Erkenntnis über die Zusammenhänge zwischen Natur, Mensch und geistigen Kräften den Weg zu einem harmonisierten Leben weisen kann. Die Kleidung, mit der er seit den 1960er Jahren stets erscheint, verweist auf die Befähigung zur Vermittlung und Kommunikation dieser Vorgänge: Filzhut, Anglerweste, weisses Hemd, Jeanshose. Filz ist neben Fett das wichtigste Material im Schaffen Beuys', als Energiespeicher und isolierende Schicht gewährleistet er in Form des Huts Schutz vor Strahlung und Bewahrung der gedanklichen Energie. Die Anglerweste lässt christliche Assoziationen zu, da Beuys in seiner "Mission" auf "Fang" von menschlichen und tierischen Energien geht. Die Jeanshose schliesslich könnte auf seine politische Einstellung deuten: Die Jeanshose gehört ausdrücklich nicht zum bürgerlichen Anzug, viel eher zur Arbeiterkleidung. Mit ihr repräsentiert man nicht in würdigen Gremien, sondern schreitet für (revolutionäre) Taten aus.

Martina Papiro