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Zur letzten Ruhe
  • Hans Bachmann
  • Zur letzten Ruhe, 1884

  • Öl auf Leinwand
  • 199 x 133 cm
  • signiert und datiert unten rechts: "Hans Bachmann Düsf. 84"
  • Kunstmuseum Luzern
  • Inv.-Nr. C 3x
  • © Kunstmuseum Luzern
  • Jahr von: 1,884
  • Jahr bis: 1,884
Description
Provenance
Exhibition History
Bibliography
Other

Das Gemälde zeigt einen dunkel gekleideten Trauerzug im verschneiten Gebirge, der von einem Jungen angeführt wird. Auf der von ihm getragenen Grabtafel ist zu lesen, wer im geschulterten, mit Blumen geschmückten Sarg aufgebart wird. Es ist die „ehr- und tugendsame Jungfrau Maria Amstutz, geb. 2. August 1868, gest. 29. Wintermonat 1882“. Der Himmel ist wolkenverhangen an diesem Novembertag, überall wohin das Auge reicht liegt Schnee, der geschickt mit vielen kurzen Pinselstrichen in Weiss- und Grauabstufungen modelliert ist. Einzig ein paar knorrige Äste, an denen noch die letzten verdorrten Blätter hängen, und einzelne Steinbrocken schauen aus der weissen Decke hervor. Schweigsam, in einer Kolonne gehend, mit gesenkten Köpfen und teilweise niedergeschlagenen Augenliedern, steigen die Angehörigen, der Pfarrer und sein Vikar (erkennbar an den Kopfbedeckungen) den geschlängelten Weg ins Tal hinab. Ein Mann hebt den Hut beim Vorbeigehen an einem verwitterten Bilderstock zum Gruss. Geschickt wird der Blick des Betrachters, den Menschen folgend, in die Bildtiefe gelenkt. Bei den im Hintergrund stehenden Männern und Frauen, die ihre Arbeit zur Seite gelegt haben (der allein stehende Mann trägt Axt und Säge unter den Armen) und dem Trauerzug nachschauen, hält das Auge des Betrachters für eine Weile inne, ehe es zum Haus am Abhang springt, anschliessend gegen den Himmel abschweift, um schliesslich wieder an die Spitze des Trauerzuges gelenkt zu werden. Eine ruhige, bedrückende Stimmung herrscht, der Betrachter fühlt mit den Angehörigen der jung verstorbenen Frau mit.

Das Bild nimmt zwei zentrale Punkte in Bachmanns Genremalerei auf: Einerseits sein Interesse für öde, verschneite Winterlandschaften, andererseits seine Vorliebe für traurige, melancholische Bildthemen. Das Thema des Begräbnisses taucht in Bachmanns Werken mehrfach auf. Es ist, wie auch die oft von Bachmann gemalten Themen der Taufe und der Ernte, dem Alltag und Brauchtum des bäuerlichen Lebens entnommen. Es spricht den Betrachter direkt an und macht betroffen. Dieses Interesse für realistische Leichenzüge und Begräbnisszenen findet sich aber auch in der zeitgenössischen europäischen Malerei von Deutschland über Frankreich und Skandinavien wieder. Bachmanns Interesse für diese Themen ist somit nicht singulär, er ordnet sich vielmehr in die europäische Kunstströmung ein, welche den Tod eines Menschen im Kreise der Familie stimmungsvoll und realistisch zugleich jedoch nicht mehr romantisch verklärt oder symbolistisch überladen darstellt.
Durch die realistische, bis in alle Einzelheiten sorgfältige Darstellung wird Bachmanns Gemälde scheinbar Zeuge dafür, wie in den 1880er Jahren der Marsch zum Friedhof im Tal zu Winterzeiten stattgefunden hat. Die Nennung der Toten und deren Lebensdaten, der Fakt, dass sie erst wenig vor der Entstehung von Bachmanns Gemälde verstorben ist, verleiht dem Gemälde eine erinnernde, geschichtsschreibende Komponente. Es gewinnt an Plausibilität, dass es sich tatsächlich so zugetragen und Bachmann dieses Ereignis für die Nachwelt festgehalten habe.

Die Grösse der Figuren ist so gewählt, dass sie das zentrale Thema des Gemäldes bilden, obschon sie angesichts des Gebirges nur kleine Geschöpfe sind, die sich ohnmächtig dem von Gott auferlegten Fortlauf der Zeiten ergeben müssen. Das Format lehnt sich mit den grossen Ausmassen an die traditionelle Salonmaler des ausgehenden 19. Jahrhunderts an. Die grossen Bilderformate halfen, um in den eng gehängten Salons herauszustechen, die anderen Mitkonkurrenten zu übertreffen. Das Gemälde kam 1885, unmittelbar nach seiner Fertigstellung 1884 (zusammen mit zwei Gemälden von August Bachelin, KML C 1x und KML C 2x), mit Hilfe von Bundesgeldern als Sektionskauf in die Sammlung des Kunstgesellschaft Luzern, die damals noch über kein eigenes Museum verfügte und ihre Sammlung jeweils im Sommer im Rathaus zeigte.
Im selben Jahr hat Bachmann für dieses Bild ein „Diplôme de mention honorable“ anlässlich der Weltausstellung im belgischen Antwerpen erhalten. Diese erste Auszeichnung ermunterte Bachmann in der Genremalerei weiterzuarbeiten obschon er, wie er in seiner Lebensskizze schreibt bis dahin „mit den sogenannten Bauernbildern finanziell weniger Erfolg gehabt [hat] als früher mit den Süssen Rokokobildern.“

Anne-Laure Jean