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Der Vorsteher von New Forest (Der Farmer)
  • Frank Buchser
  • Der Vorsteher von New Forest (Der Farmer), 1877

  • Öl auf Leinwand
  • 51.2 x 77 cm
  • signiert unten rechts: "F Buchser"
  • Kunstmuseum Luzern, Eigentum der Schweizerischen Eidgenossenschaft, Gottfried Keller-Stiftung, Bern
  • Inv.-Nr. E 56x
  • © Kunstmuseum Luzern
  • Jahr von: 1,877
  • Jahr bis: 1,877
Description
Provenance
Exhibition History
Bibliography
Other

Anders als seine Generationsgenossen Rudolf Koller, Albert Anker und Robert Zünd gilt Frank Buchser als reiselustiger Abenteurer. Der Anreiz ferner Länder kann in seiner Bedeutung für das Werk des Solothurner Künstlers nicht hoch genug eingeschätzt werden. Vor allem der Süden – Spanien, Italien, Griechenland und Nordafrika – mit seinen fremden Bräuchen, den exotischen Kostümen und den dunkelhäutigen Menschen sowie den speziellen, kontrastreichen Lichtverhältnissen ist ihm eine immerwährende Inspirationsquelle. England und Amerika hingegen bereist er mit der klaren Absicht "Geld, Geld und nochmals Geld [zu] machen", denn ein zahlungskräftiges Kunstpublikum verspricht dort gute Absatzmöglichkeiten. Dabei überlässt er nichts dem Zufall, sondern mobilisiert die Presse und spannt Freunde ein, die den Verkauf seiner Bilder ankurbeln sollen. Besonders intensiv pflegt er die Kontakte zu den Mächtigen des Landes und zur High Society, was sich in gelegentlichen Aufträgen bezahlt macht.

Während seines vierten und letzten Englandaufenthaltes um 1877 begleitet er seinen Mäzen Lord Londesborough auf einer Besichtigungstour zu dessen Besitztümern. Von ihm erhält er den Auftrag, den "head keeper of the New Forest", Mr. Cooper, in einem "honourable picture" zu porträtieren. Buchser kommt diesem Auftrag gerne nach und gibt den Verwalter in einem Reiterbildnis wieder, einer Bildform, die in England eine aussergewöhnlich dynamische Ausprägung erfahren hat. Jene Darstellungen, in denen die Pferde im fliegenden Galopp dahinjagen, führen die übliche Symbolik der Reiterbildnisse vor Augen, nämlich die Beherrschung der Natur durch den Menschen, die der Reiter am Pferd demonstriert. Es ist denkbar, dass Buchser durch die Wahl dieses Bildnistyps auf die Funktion des Porträtierten anspielen will. Allerdings wirkt Buchsers Umsetzung des Reiterthemas seltsam kraftlos, fast lahm. Der Dargestellte vermittelt den Eindruck, als sei er während seines morgendlichen Ausritts angehalten und überredet worden, einige Minuten lang Modell zu stehen. Während der Irish Setter ungeduldig und erwartungsvoll zum Verwalter hochblickt, nutzt der Schimmel die Pause, um seinen eigenen Bedürfnissen nachzukommen. Mr. Cooper hat sich indes dem Betrachter zugewandt. Auf dem fleischigen Gesicht ist der Anflug eines Lächelns zu erkennen, während er den Arm in einer etwas grossspurig wirkenden Geste in die Hüfte stützt, vermutlich um Präsenz und Autorität zu markieren. In seinen Augen hingegen blitzen Misstrauen und Unsicherheit auf und seine Linke hält einen Spazierstock umklammert, was die innere Anspannung noch deutlicher zum Ausdruck bringt. "Der Farmer", wie das Gemälde oft genannt wird, sei das gelungene psychologische Porträt eines Mannes, dessen soziale Stellung sich zwischen Macht und Abhängigkeit bewege, ist sich die Forschung einig.

Kompositorisch ist das Gemälde einfach angelegt, komplizierte perspektivische Verkürzungen werden vermieden. Pferd, Reiter und Hund sind bildparallel angeordnet und bilden eine waagrechte Linie, die in der Hecke und im Horizont ihre Entsprechung findet. Die Vertikale des Reiters, die ihrerseits in einer Baumgruppe im Hintergrund aufgenommen wird, schafft den Ausgleich zur Horizontalen und verhilft dem Gemälde zu einer harmonischen Gesamtwirkung. Das bei Buchser oft zu beobachtende Problem einer fehlenden atmosphärischen Einheit von Vorder- und Hintergrund ist hier geschickt gelöst: Die waagrecht durch das Bild verlaufende Hecke bildet eine natürliche Grenze zwischen einer locker und dennoch detailliert gemalten Weide voller flackernder Sonnenlichtakzente und einer grosszügig vereinfachten, flächig gemalten Landschaft. Trotz harter Umrisslinien passen sich Pferd und Reiter dank ihrer lebhaften pleinairistischen Ausgestaltung problemlos in den Vordergrund ein. Ein kühles, kräftiges Grün mit diversen Tonabstufungen verleiht dem Gemälde ein frisches Aussehen und trägt massgeblich zu dessen Attraktivität bei. "Ein Hauptwerk", so lautet der schlichte Kommentar Landolts in seiner Publikation zur Gottfried Keller-Stiftung, die das Bild 1935 mit einem Beitrag der Bernhard Eglin-Stiftung erwirbt und es dem Kunstmuseum Luzern als Depositum zur Verfügung stellt.

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