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Gräfin Medem
  • Anton Graff
  • Gräfin Medem, 1796

  • Öl auf Leinwand
  • 71 x 57 cm
  • signiert und datiert verso: "Graff pinx./1796"
  • Kunstmuseum Luzern, Depositum der BEST Art Collection Luzern
  • Inv.-Nr. M 18x
  • © Kunstmuseum Luzern
  • Jahr von: 1'796
  • Jahr bis: 1'796
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Einer der wichtigsten Grundsätze, denen Anton Graff in seinen Bildnissen gefolgt ist, verlangt die Beschränkung auf das Wesentliche. Dies bedeutet für seine Porträts eine Konzentration auf die Gesichtszüge und insbesondere auf die Augen als eigentliche Ausdrucksträger. Durch eine einfache Lichtführung, die das Antlitz in ein helles Licht taucht und die Augensterne aufleuchten lassen, einen klaren Bildaufbau und die Verwendung eines monochromen Hintergrundes gelingt es ihm, die Individualität der dargestellten Person hervorzuheben, während Kleidung und Attribute in ihrer Bedeutung zurücktreten.

Diesen Richtlinien folgt auch das Bildnis der Gräfin Medem, geborene von Kleist. Im Halbfigurenporträt präsentiert sich die junge Frau, über die man nichts weiss, ausser ihrem Namen, in auffallend einfacher Kleidung und ohne Schmuck jedwelcher Art in beinahe intim anmutender Offenheit dem Betrachter. Über einem schlichten, hellen Kleid trägt sie ein rotes Schultertuch, das sie um ihre Hände geschlungen hat. Die etwas zerzausten, lockigen Haare sind ungepudert und umrahmen ein blasses, ungeschminkt wirkendes Gesicht. Ein zartes, fleckiges Rosa auf den Wangen und die feucht schimmernden geschwungenen Lippen verstärken den Eindruck der Natürlichkeit, der von der Adligen ausgeht. Der Blick aus den glänzenden, von hellen Wimpern umrahmten Augen geht versonnen ein wenig nach links. Ein Lächeln ist nur schwach angedeutet, die Augenbrauen wie in Gedanken leicht angehoben.

Die einfache, in sparsamer Pinselschrift wiedergegebene Gewandung der Gräfin Medem veranschaulicht, wie sehr Graff in seinen Bildnissen die konventionellen Hinweise auf gesellschaftlichen Rang und Vermögen vernachlässigt. Noch eine Generation zuvor wollte sich der zu Reichtum gelangte Bürger als Edelmann dargestellt wissen. In praktischer Umkehrung dieser Forderung verleiht Graff der von ihm porträtierten Adligen nun eine geradezu bürgerliche Erscheinung. Charakter und Individualität werden ins Zentrum des Gemäldes gerückt. Durch das Sichtbarmachen der geistig-seelischen Kräfte werden beim Betrachter Sympathie für die Dargestellte geweckt. Dass das Kostüm im Hinblick auf die natürliche Würde und die Empfindsamkeit in der Darstellung der jungen Frau sämtliche Bedeutung verliert, ist dabei fast nebensächlich.

Mit Vorliebe betont Graff gerade bei den weiblichen Modellen das Menschliche, Liebliche und lässt die Frauen eine sanfte Gelassenheit ausstrahlen – ein Weiblichkeitsideal jenseits der Standesunterschiede, das er am eindrücklichsten in den Bildnissen seiner Ehefrau umzusetzen weiss.

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