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Beatrice belauscht Hero und Ursula
  • Johann Heinrich Füssli
  • Beatrice belauscht Hero und Ursula, um 1789

  • Öl auf Leinwand
  • 112 x 112 cm
  • nicht bezeichnet
  • Kunstmuseum Luzern, Depositum der BEST Art Collection Luzern
  • Inv.-Nr. M 20x
  • © Kunstmuseum Luzern
  • Jahr von: 1,785
  • Jahr bis: 1,795
Description
Provenance
Exhibition History
Bibliography
Other

Als Jugendlicher lernt Füssli durch seinen Lehrer Johann Jacob Bodmer Shakespeares Literatur kennen, die ihn ausserordentlich begeistert. Während seiner Zeit in Rom in den 1770er Jahren träumt er von einem Gesamtkunstwerk zu Ehren Shakespeares, eine Art Heiligtum bestehend aus Bildzyklen – den Ausmalungen Michelangelos in der Sixtinischen Kapelle ähnlich. Als 1786 der englische Verleger John Boydell die Schaffung einer Shakespeare-Galerie finanzieren will, entspricht dies zwar nicht ganz Füsslis gigantischer Vision, doch er beteiligt sich mit mehreren Bildern an diesem Projekt.

„Beatrice belauscht Hero und Ursula“ gehört nicht zu den Objekten für Boydells Shakespeare-Galerie, es ist jedoch anzunehmen, dass das Bild im Zusammenhang mit jenen Arbeiten entstanden ist. Es illustriert eine Szene aus Shakespeares Komödie „Viel Lärm um Nichts“, einem Werk, welchem Füssli sonst in seiner Kunst wenig Aufmerksamkeit schenkt. Von dieser Szene existieren jedoch noch eine zweite, sehr ähnliche Version (Gemäldegalerie Dresden), ein Gemälde der lauschenden Beatrice als isolierte Darstellung (Schweizer Privatbesitz) und einige Zeichnungen. Die Geschichte handelt von Beatrice und Benedict, die durch Intrigen zueinander geführt werden. In der dargestellten Szene sprechen Hero und Ursula über Benedicts angebliche Begeisterung für Beatrice, wohl wissend, dass sie von dieser belauscht werden und mit dem Ziel, in ihr eine Leidenschaft zu wecken.

Das Bild verfügt wie alle Kompositionen Füsslis über einen klaren Aufbau. Die in der Mitte dargestellte Mauer teilt die Szene in zwei Schauplätze, wobei links die Unterhaltung von Hero und Ursula zu sehen ist und rechts die lauschende Beatrice. Blickführung und Körpersprache der beiden äusseren Figuren, Ursula und Beatrice, zu einander hin, verbinden die beiden Bildhälften zu einer Einheit und veranschaulichen darüber hinaus den Inhalt der Szene: Ursulas Blick zu Beatrice und der begleitende Zeigegestus ihrer linken Hand demonstrieren das Wissen über Beatrices Anwesenheit, und die theatralisch übertriebene Körperwendung der Beatrice, hin zu den sprechenden Damen, sowie die stark verdrehten Augen und der Finger am Ohr, verdeutlichen Beatrices lauschende Haltung. Die Figurengruppe links wird kleiner dargestellt als Beatrice, obwohl sich perspektivisch alle Gestalten auf ungefähr gleicher Distanz zum Betrachter befinden. Füssli wählt immer wieder unrealistische Grössenverhältnissen zwischen dargestellten Figuren, um ihnen verschiedene Prioritäten innerhalb des Bildes zuzuordnen: Die Hauptfiguren werden am grössten dargestellt, Nebenrollen erscheinen kleiner. Eine Lichtquelle vorne links beleuchtet hauptsächlich die drei Frauen, schafft intensive Lichtreflexe auf deren Körper und hebt sie in einem starken Kontrast vom dunklen Hintergrund ab. Das ausgesprochen helle Inkarnat der Damen und das grundsätzlich blasse Kolorit ihrer Kleider verleihen dem Bild eine kühle Atmosphäre. Intensivere, wärmere Farben werden nur sparsam – beispielsweise in Form der dunkelroten Bänder an Beatrices Kleid – ins Bild integriert und relativieren die kühle Stimmung ein wenig.

Während der Füssli-Spezialist Gerd Schiff Beatrice voll von hemmungsloser und perverser Freude am Belauschen und Enthüllen des Geheimnisses charakterisiert, lauten Füsslis eigene Worte zu dieser Figur ganz anders. Im Magazin „Analytical Review“ Nr. IV schreibt er 1789: „Ihre angeregte Haltung zeigt die Munterkeit ihres Sinnes; aber es ist nicht die Leichtfertigkeit einer Losen, die sich hier zeigt: im Gegenteil, in einer wollüstigen Form erkennen wir die gezügelte Verspieltheit unschuldiger Fröhlichkeit, die nicht einmal träumt von den Wünschen, die sie weckt. Eine Aura von Anstand und Würde gemahnt uns, dass wir ein Weibchen sehen, welches ihr Rang und ihre Erziehung gleichermassen bewahrt haben, die Grenzen zu überschreiten, welche die Bescheidenheit vorschreibt, oder auch vulgäre Manieren anzunehmen.“ (Zitiert bei Schiff 1973, Bd. I, S. 147). Handelt es sich bei diesen Worten wirklich um eine Fehldeutung der eigenen Kunst, so wie Schiff es Füssli vorwirft? Sicherlich kann Füsslis Beschreibung einer vornehmen und zurückhaltenden Beatrice angezweifelt werden – liegt doch in ihrem freizügigen Décolleté und dem emotional erregten Gesichtsausdruck etwas Laszives. Doch heisst dies nicht, dass Beatrice grundsätzlich und eindeutig als zügelloses Wesen verstanden werden muss, so wie Schiff dies tut, und seine scharfe Anprangerung der Künstlersicht scheint ebenfalls problematisch zu sein. Füsslis Vorgehensweise kann äusserst subtil sein. Die Farben des Bildes sind gemässigt und kühl, verlieren in ihrer Wirkung jedoch dank ihrer Inszenierung in starken Hell-Dunkel-Kontrasten und der Beifügung von vereinzelten warmen Farbeffekten nicht an Temperament und Bewegtheit. In diesem Kolorit und in der Stimmung, die es erzeugt, liesse sich eine Parallele zu Füsslis angeführter Charakterisierung der Beatrice zwischen Zurückhaltung und Lebendigkeit sehen.

Seraina Werthemann