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Der Tag III
  • Ferdinand Hodler
  • Der Tag III, um 1900/1910

  • Öl auf Leinwand
  • 170 x 368 cm
  • signiert unten rechts: "F. Hodler"
  • Kunstmuseum Luzern, Depositum der BEST Art Collection Luzern
  • Inv.-Nr. M 45x
  • © Kunstmuseum Luzern
  • Jahr von: 1'900
  • Jahr bis: 1'910
Werkbeschrieb
Provenienz
Ausstellungsgeschichte
Weiteres

Das Thema „Der Tag“ realisierte Hodler in mehreren Fassungen, wovon drei Grossformate erhalten sind (1. Fassung im Kunstmuseum Bern, 2. Fassung im Kunsthaus Zürich). Der Luzerner „Tag“ wurde wohl als letzter im Jahr 1910 fertiggestellt. Wie die anderen Fassungen, so hatte auch das vorliegende Gemälde zunächst fünf Figuren, die zweite und vierte Frau wurden schliesslich übermalt und im April 1910 auf der Eröffnungs-Ausstellung im Kunsthaus Zürich präsentiert.

In Hodlers Skizzenbüchern, den sogenannten Carnets, finden sich seit Beginn der 1880er Jahre symbolistische Bildthemen mit männlichen und weiblichen Figuren in vielen Variationen und Gruppenzusammenstellungen. Beginnend mit „Die Nacht“ von 1890/91 entwickelte der Künstler darauf mehrere grosse Gemälde. Ist in „Die Nacht“ der Schlaf und der Alptraum sichtbar, stellt das Luzerner Bild den beginnenden Tag anhand der Stadien des Erwachens von den Seiten bis in das luzide Zentrum. Wehren die Seitenfiguren das Licht des Tages noch geblendet ab, symbolisieren sie den Tag im Zustand des Erwachens. Der Akt in der Mitte mit erhobenen Armen stellt dagegen den hellen Tag dar. Dieser Figur hat Hodler die Züge seiner zweiten Frau Berthe verliehen.

Der Künstler kämpfte lange um die gültige Form der Bilderfindung, deren erste Ideen in die 1890er Jahre zurückgehen. Von den zahlreichen Studien zeugt auch eine beschnittene Leinwand mit der Mittelfigur (in Privatbesitz), mittels der sich eine Komposition rekonstruieren lässt, in der die Frauen auf einem nach oben geöffneten Kreissegment angeordnet waren. Loosli berichtet von dem nach langem Experimentieren plötzlichen Einfall Hodlers, das Segment in die heute bekannte Anordnung zu bringen: „Eh bien! Il y a que j’ai ma composition; elle est comme ça!“ Und damit riss er auf dem weissen Marmortisch eine aufwärtsstrebende Kurve auf und setzte fünf Kleckse senkrecht hinein. „Voila ce que j’ai cherché depuis je ne sais quand! C’est mon ‚Jour’ enfin!“

Am 12. Januar 1899 teilt Hodler dem Solothurner Sammler Oskar Miller in einem Brief mit, dass er gegenwärtig „an zwei Bildern die beide den Tag darstellen“ male. Dabei handelt es sich bei einem mit Sicherheit um das Berner Gemälde. Über das zweite kann bislang nur spekuliert werden: Die Zürcher Fassung scheidet aus, da sie als Auftragsarbeit des Wiener Sammlers Carl von Reininghaus in die Jahre 1904 bis 1907 zu legen ist, was Fotografien aus Hodlers Atelier belegen. So ist einmal möglich, dass es sich um die Grosskomposition des oben erwähnten Fragments handelt. Andererseits ist es möglich, dass Hodler in dem Brief tatsächlich das Luzerner Bild meint. Zwar sind die Figuren ebenso wie die Landschaft bereits „geläutert“ und erscheinen darum als „vereinfachte Kopie der Berner Hauptfassung“ (Müller 1928 [Tag]). Die Übereinstimmung der Mittelfigur und weiterer Details legen den Schluss nahe, dass diese genau darum in die Zeit der Berner Fassung zu legen sind, zeigt doch die Zürcher Fassung eine abgeänderte Mittelfigur auf und differiert zu den beiden anderen in der malerischen Auffassung. Als sicher kann gelten, dass Hodler die Luzerner Fassung in Teilen übermalt hat – so wanderte der Horizont nach unten und verschwanden die beiden mittleren Figuren.

Laut Wilhelm Wartmanns Aussage von 1919 war dieses Gemälde mit der symbolistischen Darstellung des beginnenden Tages eine Auftragsarbeit und für das Musikzimmer eines Zürcher Sammlers bestimmt gewesen. Im dritten Band seiner grossen Hodler-Biografie schreibt C. A. Loosli, dass die dritte Fassung sich „heute, glücklicherweise, wieder in schweizerischem Besitz in der Russ-Young'schen Sammlung befindet." Dies bedeutet, dass sich diese Fassung zuvor in ausländischem Besitz befand. Wann genau Willy Russ-Young das Werk erwarb, konnte bislang nicht geklärt werden. 1983 präzisierte Jura Brüschweiler dahingehend – allerdings teilweise im Widerspruch zu Wartmann –, dass der fragliche Sammler der Industrielle und Kunstsammler Willy Russ-Young aus Neuenburg gewesen sei, der das Werk im Jahr 1910 erstand, um damit seinen Musiksalon zu schmücken.

Matthias Fischer