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New York 91/93 II
  • Beat Streuli
  • New York 91/93 II, 1991/93

  • 2 Karussell-Diaprojektoren mit je 52 Dias und 7 Schwarzdias, Überblendeeinheit
  • nicht bezeichnet
  • Kunstmuseum Luzern
  • Inv.-Nr. 93.160v
  • © Beat Streuli
  • Jahr von: 1,991
  • Jahr bis: 1,993
Description
Provenance
Exhibition History
Bibliography

Das Geschehen auf der Strasse einer Grossstadt zieht vorbei, fliessend, in ruhigem Bildwechsel, ein Bild das nächste freigebend. Wir sehen Passanten, Menschen, die an stehenden Autos vorbeigehen, die die Strasse überqueren, die von anderen Menschen gestreift werden. Scheinbar unbeobachtet, bisweilen gedankenverloren, bahnen sie ihren Weg durch die Menge. Im Hintergrund erahnbar die hohen Gebäudeschluchten von New York City. Solcher Art sind die Lichtbilder Beat Streulis, die in einem dunklen Raum von Diaprojektoren auf eine Wandfläche geworfen werden. Aus dem gleichen Zeitraum, auf den der Titel der Arbeit „New York 91/93 II“ verweist, finden sich auch einzeln ausgewählte Fotografien (KML 94.36-38z; 93.161z; 93.177z) und zwei weitere Diaprojektionen.

Auf verschiedene Weisen gibt Streuli die Bewegung der Menschen und ihre Beiläufigkeit in diesem alltäglichen Bewegungsfluss der Grossstadt in der Diaprojektion wieder: erstens in der Komposition des Einzelbildes und seiner Unschärfe, zweitens in den Bildfolgen und drittens in den Überblendung der beiden Diaprojektoren. Gleich Passanten ziehen die Menschen vorbei und doch richtet sich unsere Aufmerksamkeit immer wieder auf bestimmte Merkmale, die farbige Kleidung, das mitgeführte Sandwich, einen Rucksack oder ein Kind auf dem Arm. Die Differenzierung der Einzelnen wird durch den Kontrast von Licht und Schatten und die intensive Farbigkeit der Dias unterstützt. Gebannt von der Brillanz dieser überlebensgrossen Bilder werden wir, wie bereits der Künstler, der mit einem Teleobjektiv den einzelnen Menschen auf der Spur ist, zum Voyeur. Obwohl die unterschiedlichen Charakteristika in der Monotonie der Masse aufgehen, wird unsere Lust nicht befriedigt. Vielmehr warten wir auf immer wieder neue Gesichter, die aus der Menschenmenge hervorstechen. Das Heraustreten von Differenzen, insbesondere sozialer und ethnischer Art, lässt sich kaum ohne den Hintergrund der davon ausgehenden Konflikte und Probleme in der Stadt New York lesen, und doch ist gleichzeitig im Aufgehen der Bewegung des Einzelnen in einer allgemeinen Lebendigkeit der Masse die Idee des „melting pots“ präsent.

Im Unterschied zu einer einzelnen Fotografie bringt die Diaprojektion mit den Möglichkeiten der Sequenzierung und der Überblendung verschiedene Ebenen von Zeitlichkeit ins Spiel. Sie bewegt sich „zwischen fotografischer Momentaufnahme und filmischer Dauer“ (Jean-François Chevrier, Luzern 1993). Die Bildfolgen geben das Vorbeiziehen der Protagonisten in zwei unterschiedlichen Blickachsen wieder: zum einen streift die Kamera die Personen in einer seitlich zum Bild verlaufenden Bewegung und fängt sie ein paar Schritte weiter wieder ein; zum anderen treten die Personen aus der Tiefe hervor oder verschwinden hinter einem Vordergrund, der sich plötzlich ins Bild schiebt – ein Arm, ein Fenster, eine Säule. Der rhythmische Wechsel der Dias nimmt im Kommen und Gehen den Puls der Stadt auf – eine Bewegung, die nicht ganz so kontinuierlich verläuft wie im Film. Denn neben der Überblendung, die für einen Moment die beiden übereinander projizierten Bilder undifferenzierbar macht und so einen sanften, kaum merkbaren Übergang erzeugt, gibt es einzelne Momente, in denen der Bewegungsfluss plötzlich still steht, sei es bei einem stehenden Diabild oder bei sporadisch erscheinenden Schwarzblenden. Wir stehen unweigerlich in diesem Bilderstrom, unterstützt durch die grossformatige, Wand füllende Projektion. Gelegentlich werden wir aber durch die Schwarzblenden herausgerissen und im Dunkeln auf uns selbst gestellt. Dadurch werden wir mit der existenziellen Erfahrung konfrontiert, die sich zwischen Individuum und Masse abspielt – wie jeder Einzelne mit seiner Geste, seiner Bewegung und seiner Erscheinung zur Lebendigkeit der Stadt New York beiträgt, aber gleichzeitig auch in ihr aufgeht.

Annamira Jochim