deutschenglisch
Restoration
  • Jeff Wall
  • Restoration, 1993

  • Grossbilddia in Leuchtkasten, Auflage: 1/2 + 1 AP
  • 136 x 508 x 26.8
  • nicht bezeichnet
  • Kunstmuseum Luzern
  • Inv.-Nr. 94.26z
  • © Jeff Wall
  • Jahr von: 1'993
  • Jahr bis: 1'993
Werkbeschrieb
Provenienz
Ausstellungsgeschichte
Literatur

„Restoration“ ist im Sommer 1993 während Jeff Wall's Vorbereitung zu seiner Ausstellung im Kunstmusem Luzern entstanden. Es führt das Interesse des kanadischen Künstlers an der westeuropäischen Bildtradition auf faszinierende Weise vor Augen. Das Bourbaki-Panorama in Luzern, das in „Restoration“ den Bildhintergrund liefert, ist eines der wenigen heute noch existierenden Panoramen weltweit. Es wurde 1881 vom Genfer Maler Edouard Castres (1838-1902) und weiteren Malern, darunter auch Ferdinand Hodler, fertiggestellt und befindet sich seit 1889 in Luzern. Das Kriegsbild schildert die Aufnahme der Französischen Ostarmee nach verlorener Schlacht gegen die Deutschen durch die Eidgenossenschaft im Jahre 1871. 87’000 ausgehungerte Soldaten überquerten damals die Schweizer Grenze im Neuenburger und Waadtländer Jura und wurden von der Zivilbevölkerung und dem kurz davor gegründeten Schweizerischen Roten Kreuz aufgenommen. Es gilt als frühes Denkmal für die humanitäre und neutrale Politik der Schweiz. Die mehrjährigen Restaurierungsarbeiten konnten im Jahre 2004 fertiggestellt werden.

Die Faszination Jeff Walls für das Bourbaki-Panorama kann formal wie inhaltlich begründet werden. In einem Interview mit Martin Schwander von 1994 sagt er: „Die für mich interessante Spannung im Bild ist die zwischen der Flächigkeit der Photographie, die ich mache, und der realen Krümmung des Panorama-Raumes. Weil man sieht, wie das Bild sich biegt und dann aus dem Blick verschwindet, verstehe ich es als eine Art Veranschaulichung des Wesens eines jeden Bildes, das die Illusion von Volumen und gekrümmtem Raum auf eine ebene Fläche projiziert. Bei der Arbeit an dem Bild hat mich besonders interessiert, dass man sieht, wie das Panorama dem Blick entflieht, die Vorstellung, dass es in jedem Bild etwas gibt, ganz gleich wie gut es gestaltet sein mag, das sich dem Gezeigt-Werden entzieht. Ich war schon immer daran interessiert.“

Die Beschäftigung mit dieser prinzipiellen Nicht-Darstellbarkeit einer Sache, d.h. die Unmöglichkeit zur Reproduktion in einem anderen Medium wie der Fotografie, wird bei vielen Werken zum eigentlichen Spannungselement. In „Restoration“ werden 180° des Panoramas auf einen zweidimensionalen Bildfries gebannt. Dies bewirkt unweigerlich eine enge Staffelung und Konzentration der Bildelemente, die durch die Einnahme der horizontalen Augenhöhe durch den Fotografen noch verstärkt wird. Zentrale Kompositionselemente sind die je zwei Restauratorinnen auf den Baugerüsten und die Frau mit dem weissen Kittel auf der Aussichtsplattform. Entgegen vieler Werke Walls, in denen Schauspieler eingesetzt werden, handelt es sich hier um genau jene Restauratorinnen, die auch effektiv am Panorama gearbeitet haben. Sie sind alle auf einer unterschiedlichen Bildtiefe angeordnet. Das einzige zufällige Moment im Bild sind die kaum sichtbaren Besucher des Panoramas im Hintergrund.

Die beiden Restauratorinnen im rechten Bildvordergrund führen eine Tätigkeit aus, die an sich nur an Ölgemälden vorgenommen wird, die transportiert werden, nämlich das Festigen von losen Gemäldepartien zu Sicherungszwecken. Jeff Wall unterstreicht damit die Tätigkeit der Restauratorinnen, die er als immens und ermüdend bezeichnet. Darin liegt für ihn auch eine Ironie begründet, die sich in einer „Bildhaftigkeit“ zeigt, die sich in der Konfrontation zwischen den jungen Frauen und dem Monumentalgemälde auftut. Die Restauratorinnen erhalten ein Panoramagemälde, das innerhalb einer patriarchalischen Tradition steht, „mit der sie womöglich in anderen Bereichen ihres Lebens in Konflikt stehen. Eine junge Frau in einen solchen Zusammenhang zu stellen, ist in meinen Augen etwas sehr Bildhaftes.“

Susanne Neubauer