deutschenglisch
Atelier
  • Markus Raetz / Balthasar Burkhard
  • Atelier, 1970

  • Fotografie auf Fotoleinwand
  • 240 x 321 cm
  • nicht bezeichnet
  • Kunstmuseum Luzern
  • © 2012, ProLitteris, Zurich/Nachlass Balthasar Burkhard
  • Jahr von: 1'970
  • Jahr bis: 1'970
Werkbeschrieb
Provenienz
Ausstellungsgeschichte
Literatur

Auf dem Werk „Atelier“ ist der Arbeitsraum abgebildet, den Markus Raetz 1969 bis 1973 während seines Aufenthaltes in Amsterdam belegt hat. Der dargestellte Raum ist karg und leer – nicht einmal ein Tisch oder eine Staffelei deuten auf den Charakter eines Ateliers hin. Einziges Mobiliar ist ein Luftbefeuchter der direkt unter dem Fenster in der hinteren Ecke steht. An den Fenstern sind Vorhänge angebracht und hinter den Glasscheiben zeichnen sich die feinen Umrisse der gegenüberliegenden Häuser ab. Die Fensterfront scheint aber nicht primäre Lichtquelle zu sein. Vielmehr geben die zwei an der Decke befestigten Lichtröhren die benötige Helligkeit um sich im Raum orientieren zu können. Das Zimmer ist grösser als die Ausdehnung, die der Betrachter auf der Fotografie sehen kann. Die linke Wand schliesst nicht an die Frontmauer an, sondern lässt im Hintergrund einen schmalen Streifen des folgenden Fensters erblicken. Und eine Treppe im Vordergrund der Fotografie führt wohl einen Stock höher. Als einziger Hinweis auf einen belebten Raum kann das an der linken Wand mit einem Nagel befestigte Knäuel gedeutet werden. Vermutlich handelt es sich dabei um ein Gewirr von Tonbandspulen, das auf einem weiteren Gemeinschaftswerk von Burkhard und Raetz abgebildet ist. Das bekannte Motiv des Ateliers wird in dieser Arbeit auf eine neue Weise aufgegriffen. Der Raum, der sinnbildlich für das kreative Schaffen des Künstlers steht, wird in der Fotoleinwand unbelebt dargestellt und wirkt beinahe uninspiriert. Das Erschaffen von Kunst ist hier nicht mehr an das schöpferische Arbeiten mit Materialien, wie Farbe oder Ton gebunden, auch wird nicht der Künstler mit seinen Werken dargestellt, wie wir es aus verschiedensten Darstellungen eines Ateliers kennen. Vielmehr wird der Bereich des kreativen Arbeitens durch die Leere für einen erweiterten Kunstbegriff geöffnet. Das Atelier ist also nicht mehr als traditioneller Arbeitsraum des Künstlers zu verstehen, sondern als dessen möglicher Denkraum.

Die Fotoleinwände von Balthasar Burkhard entstanden 1969/70 in einer Zusammenarbeit mit Markus Raetz eigens für die Ausstellung „Visualisierte Denkprozesse“ in Luzern. In dieser Ausstellung von 1970 zeigten Burkhard und Raetz insgesamt neun solche Fotoarbeiten mit ähnlichen Motiven: leere Räume und alltägliche Gegenstände, die auf eine abwesende Person hinweisen, die den Schauplatz gerade verlassen zu haben scheint. Der Gedanke vom Betreten eines verlassenen Schauplatzes wird durch die Grösse der Werke verstärkt. Mit Massen von beinahe zwei auf drei Metern werden die Proportionen der abgebildeten Orte in Relation auf die Körpergrösse des Betrachters gebracht. Da die Fotoleinwände nur wenig über dem Boden hängen, wird der optische Einstieg des Betrachters ins Bild zusätzlich unterstützt. Für die Künstler ist also vor allem die Art und Weise der Realitätsvermittlung von Wichtigkeit, das Sujet spielt hier nur eine untergeordnete Rolle. Die Motivwahl ist für die Schweizerische Fotogeschichte nicht einzigartig, sondern entspricht dem Zeitgeist der 1960er Jahre. Dagegen stellt die Technik, die von Balthasar Burkhard entwickelt wurde, etwas Neues dar. Es handelt sich um eine Applikation des Negativs auf eine grosse, lichtempfindlich gemachte Leinwand. Diese wird mit Hilfe von Fotoklammern an der Wand festgemacht und vermittelt eine neuartige Beziehung zwischen Kunstwerk und Betrachter.

Trotz der Darstellung gewöhnlicher Orte und der annähernden Relation des Dargestellten zum Betrachter dürfen die Fotoleinwände nicht als banale Vortäuschung des Alltäglichen verstanden werden. Burkhard und Raetz geht es vor allem darum, die Automatismen des Sehens aufzudecken und Bekanntes in ein neues Licht zu rücken. Durch die lose Hängung der Leinwände an zwei oder drei Fotoklammern bilden sich Falten, die gerade jene getreue Abbildung der Realität stören. Diese Faltenbildung ist selbst konstitutiver Teil des Leinwandobjekts und wird dadurch, so Jean-Christophe Ammann in der Werkerläuterung zur siebten Biennale in Paris, ein «[...] quasi-ironisches, ‚desillusionierendes’ Hindernis.» In den Fotoleinwänden fallen somit zwei Ebenen zusammen: Die des Illusionären durch die Abbildung des Raumes, und die Ebene des Realen durch die Stofflichkeit der Leinwand. Diese Repräsentationsweise relativiert den Realitätsbegriff und stellt somit die Wahrnehmung des Betrachters ins Zentrum der Arbeit. Das scheinbar Selbstverständliche, Gewohnte und Bekannte, oder begrifflich Fixierte wird auf ironische Weise hinterfragt. Burkhard und Raetz versuchen mit den Fotoleinwänden die Vieldeutigkeit der Wahrnehmung auszuloten und lösen dadurch beim Betrachter Bewegungen des Denkens und Empfindens aus.

Anna-Maria Papadopoulos