deutschenglish
Büste der Venus mit Fransen
  • Aristide Maillol
  • Büste der Venus mit Fransen, 1920

  • Bronze
  • 43 x 36 x 27 cm
  • signiert unter linker Schulter: Gravur: "M (umkreist)", nummeriert: "No 9"
  • Kunstmuseum Luzern
  • Inv.-Nr. 395w
  • © 2007, ProLitteris, Zurich
  • Jahr von: 1,920
  • Jahr bis: 1,920
Description
Provenance
Exhibition History
Bibliography
Other

Mit ruhigem, unbewegtem Gesichtsausdruck und leeren halb geschlossenen Augen neigt die Venus ihren Kopf in einer sanften Bewegung zur Seite. Diese Verbindung von statischem Ausdruck mit Leben einflössender leichter Bewegung ist äusserst charakteristisch für Maillols Arbeiten und verleiht der Figur eine geheimnisvolle Ausstrahlung. Die Gesichtszüge der Venus sind idealisiert: die Nase ist gerade und lang, die Lippen elegant geschwungen, die Augenbrauen kantig und fein, das Kinn stark gerundet und die Backen voll. Die Haare erfahren eine ausgeprägte Stilisierung, so dass sie auf den ersten Blick auch als Kopfbedeckung wahrgenommen werden könnten. Sie sind wie bei vielen von Maillols Figuren am Hinterkopf zu einem Knoten zusammengebunden, rahmen das Gesicht jedoch auf ungewöhnliche Weise ein. Die unregelmässigen Fransen mit den wilden Löckchen verleihen dem Gesicht trotz seines Ernstes eine jugendliche Frische, und mit dem Titel „Büste der Venus mit Fransen“ lenkt Maillol den Fokus des Betrachters auf dieses Element. Die Bezeichnung als Venus ist insofern erstaunlich, als jegliche Attribute, welche mit der Venus in Verbindung gebracht werden, fehlen.

Die Schultern der Venus stehen dem Betrachter nicht symmetrisch und frontal gegenüber, sondern befinden sich wie der Kopf in einer leichten Bewegung, bei welcher die linke Schulter tiefer gesenkt ist als die rechte. Der Büstenausschnitt deutet den Brustansatz an, was dem Betrachter den fragmentarischen Charakter der Büste vor Augen führt und die Vorstellung von einem sich fortsetzenden Körper nahe legt. Mit dieser Bewegung der Schultern und der gleichzeitigen Begrenzung erzeugt Maillol eine grosse Spannung, denn die Bewegung des gezeigten Körperfragmentes wird von der Brustkante abrupt unterbrochen. Die Büstenkante erhält aufgrund ihrer ungewohnten Höhe eine auffallende Präsenz und nimmt die Stellung einer Plinte ein, auf der die Büste thronend präsentiert wird.

Maillols Figuren sind in der Regel in sechs nummerierten Exemplaren und zwei zusätzlichen Künstlerversionen, die speziell gekennzeichnet werden, gegossen. Viele Werke stammen aus der Giesserei von Claude Valsuani oder Alexis und Georges Rudier, aber auch Bingen et Constenoble oder Florentin und Emil Godard erhielten Giessaufträge. Die Venus des Kunstmuseums Luzern wurde von Alexis Rudier gegossen und unter ihrer rechten Schulter bezeichnet. Irritierenderweise handelt es sich um die Nummer 9, ohne Angabe der Gesamtauflage.

Die „Venus mit den Fransen“ fand ihren Weg ins Kunstmuseum Luzern über den Kunstsammler Baron Eduard von der Heydt, der während des Zweiten Weltkrieges wertvolle Objekte zum Schutz in die Obhut des Museums gab. Nach dem Krieg schenkte er dem Museum Maillols Venus aus Dankbarkeit für die Betreuung. Von der Heydt vermachte seine grosse Gemäldesammlung dem Städtischen Museum Wuppertal, welches heute den Namen Von der Heydt-Museum trägt, und die sehr bedeutende Sammlung asiatischer Kunst schenkte er dem Museum Rietberg in Zürich. Sein Ruf leidet unter dem Vorwurf, er habe während des Zweiten Weltkrieges suspekte Finanzgeschäfte für das nationalsozialistische Regime betrieben. In wie weit diese Anschuldigungen den Tatsachen entsprechen, konnte nie eindeutig geklärt werden, jedoch ist mit Blick auf seinen Einsatz für die expressionistische „entartete“ Kunst und den sozialen Umgang mit jüdischen Künstlern anzunehmen, dass er die Ideologie des nationalsozialistischen Regimes nicht unterstützte.

Seraina Werthemann