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Pinselabdrücke Nr. 50, wiederholt in regelmässigen Abständen von 30 cm
  • Niele Toroni
  • Pinselabdrücke Nr. 50, wiederholt in regelmässigen Abständen von 30 cm, 1974

  • Acryl auf Leinwand
  • 410 x 200 cm
  • datiert verso: "Nov 74"
  • Kunstmuseum Luzern
  • Inv.-Nr. 86.56x
  • © Niele Toroni
  • Jahr von: 1'974
  • Jahr bis: 1'974
Werkbeschrieb
Provenienz
Ausstellungsgeschichte
Literatur

Das hochformatige, lose Luzerner Tuch von Niele Toroni nennt sich „Abdrücke eines Pinsels Nr. 50, wiederholt in regelmässigen Abständen von 30 cm“. Wie der Titel besagt, hat Toroni mit einem bestimmten Malerpinsel mit dem immer gleichen Abstand Abdrücke auf die Leinwand gebracht. Die für diese 1974 geschaffene Arbeit gewählte Farbe ist ein ungemischtes Rot. Der Künstler führt in Texten zur Wahl der Farbe aus, dass die Farbe der Abdrücke von einer Arbeit zur anderen wechseln könne und keine Vorliebe vorhanden sei. Ihm ist wichtig, dass es ungemischte Farben seien.

Für die Arbeiten, die Toroni ab 1967 geschaffen hat, benützt er stets den gleichen Werktitel. Er ist der gemeinsame Nenner aller „Arbeiten/Malereien“ des Künstlers. In einem 1971 – anlässlich der Einzelausstellung in der Kölner Galerie Michael Werner – veröffentlichten Text, erläutert Toroni seine Haltung zum Format seiner Werke. Der Künstler hält fest, dass die Grösse der Arbeit beliebig verändert werden könne, ohne dass sich ihre innere Struktur in irgendeiner Form ändern würde. Dementsprechend variiert er die Malereien stark im Format und passt sie auch des Öfteren den ortspezifischen Gegebenheiten an: Mal sind die Pinselabrücke auf kleinere, aufgespannte Leinwände aufgebracht, mal besetzen sie die ganze Fläche eines Innenraumes oder einer Aussenfassade. Häufig verwendet der Künstler auch lose Leinwände oder Papiere, die er dann vor Ort an der Wand festmacht. Nicht selten ragt dann ein Teil der Malunterfläche noch in den Raum hinein und breitet sich entweder auf dem Boden aus oder bleibt da teilweise noch aufgerollt.

Niele Toronis Abdrücke sind in gleichem Masse einfach und komplex. Die exakte Formulierung der Entstehungsweise durch den Titel stellt den systematischen Arbeitsvorgang selbst, also den Prozess, in den Vordergrund. Durch das offen dargelegte Verfahren sind die Abdrücke für den Betrachter an und für sich unschwer nachzuvollziehen. Toroni verzichtet scheinbar vollkommen auf die Repräsentation in seiner Malerei. Stattdessen ist es der Duktus selbst, der zum dargestellten Objekt wird. Der Fokus liegt somit einzig und allein auf dem Akt des Malens. Denn mit dieser kontinuierlichen Wiederholung der immer gleichen Geste reduziert er sein Werk auf das wesentlichste Moment, nämlich auf den Augenblick, bei dem der Maler seinen Pinsel auf den Malgrund setzt. In dieser Geste sind das ganze Wissen und die ganzen Zweifel enthalten, hier trifft der Nullpunkt der Malerei mit der individuellen Handschrift des Autors aufeinander. Es ist diese konsequente, radikale und selbstreflexive Haltung, mit der Niele Toroni die Essenz der Malerei zu ergründen versucht.

Simona Ciuccio