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Pifferari (Italienische Dudelsackpfeifer)
  • Frank Buchser
  • Pifferari (Italienische Dudelsackpfeifer), 1862

  • Öl auf Leinwand
  • 114 x 90.7 cm
  • signiert und datiert unten links: "F.B. 62"
  • Kunstmuseum Luzern, Eigentum der Schweizerischen Eidgenossenschaft, Gottfried Keller-Stiftung, Bern
  • Inv.-Nr. E 60x
  • © Kunstmuseum Luzern
  • Jahr von: 1'862
  • Jahr bis: 1'862
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Der Besuch von Gustave Courbets Protestveranstaltung "Le Réalisme" an der Weltausstellung von 1855 in Paris markiert einen wichtigen Punkt in der Entwicklung des jungen Solothurner Künstlers Frank Buchser. Tief beeindruckt von Courbets Kunst, will er sich fortan als Realist betitelt wissen. Dabei geht der Realismus bei Buchser mit dessen romantischen, bisweilen exotistischen Veranlagung eine besondere Verbindung ein. Deutlich wird dies im vorliegenden Gemälde.

Der italienische Begriff "Pifferaro" bezeichnet einen kalabresischen Schafhirten, der vor Madonnenbilder spielt, um sein kärgliches Einkommen aufzubessern. Als künstlerisches Motiv ist der Pifferaro in der Genrekunst des 19. Jahrhunderts nicht unbekannt. Vom damals berühmten Neuenburger Romantiker Léopold Robert (1794–1835) oder von gefeierten Salonkünstlern wie Jean Léon Gérôme (1824–1904) oder Thomas Couture (1815–1879) aufgegriffen, wird die Figur in ikonographischer Hinsicht zu einem relativ fixen Typus. Dunkles, lockiges Haar umrahmt das edle Gesicht des Pifferaro. Ein breitkrempiger Hut sowie ein abgetragener, knielanger Mantel vervollständigen sein Erscheinungsbild. Zudem wird er oft von einem meist jugendlichen Begleiter mit Schalmei oder Dudelsack musikalisch unterstützt.

Buchsers Gemälde greift diesen Typus im Wesentlichen wieder auf. Dem Betrachter präsentiert sich ein langhaariger, braungebrannter junger Mann mit Hut in pittoresk zerschlissener Kleidung. Zu seiner Linken wird als typische Begleitperson ein zufrieden lächelnder Junge im Profil wiedergegeben. Die umstrittene Bezeichnung als Pifferari hat also durchaus eine gewisse Berechtigung, auch wenn die während seines Aufenthalts in Sevilla entworfenen Dudelsackspieler spanische Tracht tragen. Im Unterschied zu Roberts "Pifferari devant une Madone" oder Gérômes "Pifferari" wird der anekdotische Gehalt des Themas bei Buchser allerdings stark zurückgenommen. Die Zuschauer und das Madonnenbild sind in die Ferne gerückt und bilden zusammen mit der hell beschienen Brüstung eine Hintergrundfolie, von welcher sich die Gestalt des Dudelsackspielers kontrastreich absetzt. Indem Buchser den Pifferaro nahe am vorderen Bildrand positioniert und ihn den direkten Blickkontakt mit dem Betrachter suchen lässt, führt er das eigentliche Genrethema in eine Art Musikerbildnis über. Der frontal und nahezu in Lebensgrösse wiedergegebene junge Mann beherrscht das grossformatige Gemälde. Der eher ärmliche Anzug kontrastiert mit dem stolzen Ausdruck und dem forschen, fast herausfordernden Blick, mit dem der Musiker den Bildbetrachter fixiert. Dieser sieht sich in die Rolle des Zuhörers versetzt, der den Strassenmusikanten zwar mit Almosen ernährt, im Gegenzug aber kaum unterwürfige Dankbarkeit zu erwarten hat.

Dem Maler gelingt es, den Charakter des Gegenübers glaubhaft auf die Leinwand zu bannen. Allerdings korrespondiert das Bild, das er von dem Pifferaro entwirft – nämlich jenes eines ungezähmten, stolzen und von der Zivilisation unverdorbenen Naturmenschen – mit dem von Briganten und Vagabunden, wie es in der Literatur seit den Schelmenromanen der Renaissance und des Barock bestens bekannt ist und das 1781 in Schillers Drama "Die Räuber" seine endgültige Idealisierung erfährt. Bohème, Abenteuer und Freiheit sind Stichworte, mit denen sich Buchsers Gegenentwurf zum genormten Leben des Durchschnittseuropäers umschreiben lässt. Sein Œuvre spiegelt diese Lebenseinstellung in unterschiedlichster Ausführung wider: Genannt seien hier lediglich die spanischen Bettlerdarstellungen oder die Genrebilder der schwarzen amerikanischen Bevölkerung.

Nicht nur in seiner Konzentrierung auf die Gestalt des Dudelsackspielers, sondern auch in maltechnischer Hinsicht unterscheidet sich das Gemälde von den Salonausführungen gleichen Themas: Nicht ein gleichmässig glatter Farbauftrag, sondern eine differenzierte, mal flüssige, mal pastos körnige Malweise mit eingekratzten Akzenten bestimmt die Oberfläche und verleiht dem Bild seinen typisch buchserischen Charakter. Ein romantisches Thema in realistischer Ausführung, so könnte das Fazit lauten, dem wohl auch Gotthard Jedlicka kaum widersprochen hätte, der 1937 voller Begeisterung konstatierte: "Aber wie viel von Courbet ist in Buchsers Bild ‚Pifferari’".

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