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Grosse Zeichnung (Schweif)
  • Christoph Rütimann
  • Grosse Zeichnung (Schweif), 1990

  • Tusche auf Polyester
  • signiert auf der ersten Platte, unten links, mit Tusche: "Ch. Rütimann"
  • Eigentum der Schweizerischen Eidgenossenschaft, Bundesamt für Kultur, Bern
  • Inv.-Nr. D 91.4y
  • © 2010, ProLitteris, Zurich
  • Jahr von: 1'990
  • Jahr bis: 1'990
Werkbeschrieb
Provenienz
Ausstellungsgeschichte
Literatur

Christoph Rütimanns Tuschezeichnung aus dem Jahr 1990/1991 erstreckt sich über die beachtliche Länge von 28 Meter. Entstanden für die erste Einzelausstellung des Künstlers im Westtrakt des früheren Kunstmuseums Luzern, dem Meili-Bau, ergiesst sich auf 23 von der Decke hängenden Polyesterplatten ein Strudel von schwarzen Linien und ihren Variationen, Schweifen, Ornamenten und Punkten. Von der linken unteren zur rechten oberen Bildecke stürmen, drängen und winden sich die mannigfachen Formen über die leicht transparente Oberfläche der Polyesterplatten. Das Werk ist raumbestimmend, der Bildbetrachter gezwungen, es in seiner ganzen Länge abzuschreiten um seine Dimensionen zu erfahren.

Ausgangspunkt der Zeichnung ist ein kleinformatiger Entwurf, den Rütimann in mehreren Schritten überarbeitet. Die „Grosse Zeichnung“ entsteht auf dem Boden, die Grösse des Atelier eines Freundes erlaubt es Rütimann jeweils sechs Platten auszulegen und – mit Blick auf den Entwurf – mit Tusche zu gestalten. Bedingt durch die monumentale Grösse des Werkes ist dem Künstler in diesem Sinne einen Gesamtüberblick während des Herstellungsprozesses verwehrt.

Der kleinformatige Entwurf ist nicht nur die Basis für die Gestaltung der Polyesterplatten, sondern dient auch als Vorlage für den Ausstellungskatalog, der durch die Ergänzung mit einem Index als Landkarte konzipiert ist. Der Aspekt der kartografischen Erfassung erweist sich auch bezüglich eines Interpretationsansatzes als fruchtbar, kann doch die Zeichnung gleichsam als Landkarte, als kartografierter Teil eines grossen Ganzen, eines Zeichnungskosmos betrachtet werden. Rütimann nennt die Beschäftigung mit den Naturwissenschaften, insbesondere mit der Astrophysik als Inspirationsquelle für die Tuschezeichnung. Die schwarzen Löcher oder die gekrümmte Raumzeit faszinieren ihn, ihre bildliche Umsetzung klingt in dem Werk an, dem Bildbetrachter mitunter das Gefühl gebend, einen Blick in einen unbeschreiblich weiten Kosmos zu erhaschen.

Neben der Anlehnung an die Naturwissenschaft drängt sich jedoch auch die Assoziation mit der Musik auf. Dies einerseits weil das Werk bedingt durch sein optisches Erscheinungsbild an die monumentale Partitur eines gigantischen Musikspektakels, eines unaufführbaren Konzertes erinnert und weil andererseits das Element der Musik in Rütimanns Œuvre seit jeher einen zentralen Platz einnimmt. In den 1980er Jahren findet Rütimann über die Musik wieder zum zeichnerischen Ausdruck, nachdem er sich diesem zu Beginn seines künstlerischen Werdegangs lange verwehrte. Bezeichnenderweise nennt er seine erste grosse zeichnerische Arbeit „Musik für keine Instrumente“; das 97-seitige Buch eint Fingerübungen auf den verschiedensten Zeichnungsinstrumenten. Rütimann übt sich auf Federn, Pinseln, Tuscheschreiber, Bambusröhrchen oder Einwegspritzen, primäres Auswahlkriterium ist hierbei ein grosses Speichervermögen für Tusche. Der Künstler setzt seine Zeichen musikalischen Notationen gleich, lässt Leerstellen zu akustischen Pausen werden und fingiert mit Schriftzeichen musikalische Spielanweisungen. Er entwirft eine Formensprache, die er in seinen späteren Zeichnungen immer wieder aufgreifen wird. 2008 zeigt das Kunstmuseum Thurgau die Ausstellung „In den Tönen“, anlässlich derer die „Grosse Zeichnung“ aus der Sammlung des Kunstmuseums Luzern mit Ton- und Objektinstallationen konfrontiert wird, die ebenfalls von Rütimanns Beschäftigung mit der Musik zeugen.

Rütimanns Zeichnungen entstehen Schub- oder Phasenweise und sind in der Regel keine Vorstudien für andere Werke, sondern eigenständige Kompositionen, die das Fundament für sein gesamte Œuvre ausmachen. Für ihn kommt der Zeichnung als Mittel der Visualisierung oder der Artikulation eine zentrale Bedeutung zu. Einem erweiterten Sprachbegriff folgend, ortet er in der Zeichnung semantische Züge. Zeichnung ist Sprache, ist gar Ursprache: „Für mich ist eine Zeichnung die erste Sprache.“ In diesem Sinne geht die Erweiterung des Sprachbegriffs hinsichtlich Rütimanns Schaffen mit einer Erweiterung des Begriffs der Zeichnung und ihren Dimensionen bezüglich des Ausstellungsraumes einher. Diese Ansätze können im zeitlichen Kontext der 1980er und der beginnenden 1990er Jahren verortet werden; ein Jahrzehnt, in dem sich die Kunstwelt unter anderem mit dem Konzept des White Cube auseinandersetzt und sich verschiedene Schweizer Künstler einer grossformatigen, auf spezifische räumliche Gegebenheiten applizierten Malerei widmen. Die Monumentalität und die unmittelbare physische Präsenz lassen auch das grossformatige Bild von Christoph Rütimann als Rauminstallation erscheinen, durch die der Ausstellungsraum gleichsam okkupiert wird, andererseits vermag das Kunstwerk die Konzipierung des Ausstellungsraumes als neutraler White Cube zu beschneiden und in Frage zu stellen.

Gioia Dal Molin