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Blick von Interlaken gegen die Jungfrau
  • Johann Jakob Biedermann
  • Blick von Interlaken gegen die Jungfrau, 1819

  • Öl auf Leinwand
  • 61.5 x 81 cm
  • signiert und datiert unten Mitte: "J.J. Biedermann p: 1819"
  • Kunstmuseum Luzern, Depositum der BEST Art Collection Luzern
  • Inv.-Nr. M 7x
  • © Kunstmuseum Luzern
  • Jahr von: 1,819
  • Jahr bis: 1,819
Description
Provenance
Exhibition History
Bibliography
Other

Johann Jakob Biedermann bedient sich sowohl in seinen Radierungen als auch in den grösseren Ölgemälden eines sorgfältig austarierten Kompositionsschemas, das den Eindruck eines klassizistisch ruhenden Ganzen vermittelt, jedoch keine besonders grossen Variationsmöglichkeiten aufweist.

Auch in dieser um 1819 entstandenen Landschaft, das den Blick von Interlaken gegen die Jungfrau zeigt, kommt dieses Kompositionsschema zum Einsatz. Ein schmaler, von verschiedenen Nutztieren sowie einem Hirtenpaar bevölkerter Uferstreifen führt gleichsam als Bühne in das Bild hinein. Ein im Schatten liegender, vom Bildrand beschnittener Laubbaum soll als klassisches Repoussoirmotiv der Steigerung des Tiefeneindrucks dienen. Der Mittelgrund wird von einem kleinen See sowie dem angrenzendem Ufer samt verschiedenen, detailliert wiedergegebenen Behausungen gebildet, was Biedermanns Vorliebe für idyllisch-heitere See- und Hügellandschaften widerspiegelt. Durch Betonung der vertikalen Mittelachse wird der Blick über das Tal zur Jungfrau gelenkt, die das Bild gegen hinten abschliesst. Dabei werden dem Betrachter unterschiedliche alpine Geländeformationen vorgeführt: Ausgehend von einer bewaldeten Hügelkuppe erfährt die Landschaft eine stete Steigerung. Ein von Wiesen und Hecken geprägter Berghang leitet über zu schroffen Felsabsprüngen und findet schliesslich einen Höhepunkt in den Schnee- und Gletscherlandschaften des Jungfraumassivs.

Die Nähe zu Joseph Anton Kochs klassizistischen Gebirgslandschaften wird durch eine lineare Malweise, die Blätter und Gräser in klaren Umrissen wiedergibt, sowie durch einen sparsamen, dünnen Farbauftrag betont, der keine erkennbare Pinselfaktur aufweist. Dennoch herrscht nicht ein heroischer, sondern vielmehr ein idyllischer Gesamteindruck vor. Ein heiterer Himmel und mildes Sonnenlicht, das sich in einem einheitlichen, warmen gelben Grundton äussert, sowie das behaglich saufende Vieh und die beiden hübsch gekleideten, allerdings massstäblich etwas zu klein geratenen, ländlichen Figuren vermitteln das Bild eines schweizerischen Arkadiens, fernab vom beginnenden industriellen Zeitalter mit Eisenbahnen und Fabriken. Bereits 1835 hat ein früher Biograph des Künstlers festgestellt: "In Biedermanns Landschaften sey es beständig Sonntag".

Die idyllische Auffassung der Szenerie erinnert an Biedermanns frühes Studium der holländischen Landschafts- und Tiermalerei des 17. Jahrhunderts. Auch die detailliert ausgeführten Staffagefiguren weisen eine gewisse Nähe zur holländischen Malerei auf: Den Blick herausfordernd aus dem Bild gewandt, scheint der junge Hirte dem Betrachter etwas zeigen zu wollen. Solche Figuren findet man beispielsweise in der holländischen Genremalerei des 17. Jahrhunderts als Hilfe zur Aufschlüsslung der Bildbedeutung. Hier funktioniert der Hinweis allerdings nicht, denn worauf der Junge mit seiner Rechten weist, bleibt unklar. Den Eindruck der Landschaft als Ort der ländlichen Harmonie und einfacher bäuerlicher Sitten wird dadurch allerdings nicht geschmälert.

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