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Ruhe am Strand
  • Charles Georges Dufresne
  • Ruhe am Strand, ohne Jahr

  • Öl auf Leinwand
  • 65 x 81.2 cm
  • signiert unten rechts: "dufresne"
  • Kunstmuseum Luzern
  • Inv.-Nr. 362x
  • © 2005, ProLitteris, Zurich
  • Jahr von: 1'915
  • Jahr bis: 1'930
Werkbeschrieb
Provenienz
Ausstellungsgeschichte
Literatur
Weiteres

Das von Charles Dufresne behandelte Themengebiet ist aussergewöhnlich weit und umfasst neben Akten, Bildnissen und Landschaften auch sakrale und mythologische Stoffe. In seiner Generation ist er einer der wenigen Maler, der solche als abgedroschen geltenden Motive wieder aufgreift und sie zu rehabilitieren vermag. In seinem Œuvre nehmen aber auch Stillleben und Strandszenen mit Badenden einen wichtigen Platz ein.

Das querrechteckige Ölgemälde zeigt eine solche von drei Figuren belebte Strandszene. Zwei grosse weibliche Gestalten – die eine trägt einen roten Badeanzug und eine dicke Halskette, die andere ist nackt – liegen auf einer umzäunten, dunklen Rasenfläche. Die vordere präsentiert sich dem Betrachter in auffallend freimütiger Körperhaltung. Die Arme hat sie hinter dem Kopf verschränkt, die kräftigen Beine angewinkelt und die Füsse überkreuzt. Der Maler hat die Figur jedoch fast androgyn, in sehr reduzierter Weiblichkeit gestaltet, wodurch erotische Anwandlungen gewissermassen im Keim erstickt werden. Die Körperglieder sind in ihren Umrissen vereinfacht und wirken eher grobschlächtig. Die mit einfachen, rechtwinklig angeordneten Strichen angedeuteten Gesichtszüge bleiben dennoch nicht gänzlich ohne Persönlichkeit, weshalb die Frauengestalt nicht nur als schlichte, grosse Farbfläche wahrgenommen, sondern in beschränktem Ausmass auch individuelle Ausstrahlung besitzt.

Auch die zweite liegende Figur ist in ihrer Körperhaltung ganz auf den Betrachter hin konzipiert. Den Kopf mit dem blonden Haar und den roten Wangen hat sie auf ihren linken Arm gestützt, während die rechte Hand auf der ausladenden Hüfte ruht. Dank feuerrotem Kleid und weiblichen Kurven strahlt sie weitaus mehr sinnliche Reize aus als ihre Nachbarin. Beide Frauen blicken keck aus dem Bild hinaus, den Blickkontakt mit dem Betrachter suchend.

Ein Gegenpol zu den beiden auf den Bildbetrachter hin ausgerichteten, plastisch wiedergegebenen Badenden bildet die starre Rückenfigur eines auf einem grünen Gartenstuhl sitzenden Herrn mit Melone. Er trägt ein schwarzes Jackett zu einer weissen Hose und hellen Schuhen. Steif hat er die Beine übereinander geschlagen und liest, eine Zigarre rauchend, in einer Zeitung. Der Gegensatz zwischen den (fast) nackten Liegenden und dem distinguierten Herrn im Anzug weckt Erinnerungen an Edouard Manets Hauptwerk "Dejeuner sur l'herbe", das Paris gut fünfzig Jahre vor Dufresnes "Ruhe am Strand" einen veritablen Kunstskandal bescherte.

Im Mittelgrund hat der Maler mehrere Bäume und Sträucher gleichmässig über die Bildfläche verteilt. Dahinter strahlt das blaue Wasser des Ozeans, das sich an der felsigen Küste in schäumenden Wellen bricht. An einer konsequent durchgehaltenen Perspektive hat der Maler offensichtlich kein Interesse. Die Figuren und Gegenstände sind auch nicht wirklich hintereinander, sondern vielmehr übereinander angeordnet, so dass es kaum zu Überschneidungen kommt. Zudem fällt auf, dass der Künstler sich darum bemüht hat, die Bildfläche gleichmässig mit Gegenständen und Figuren aufzufüllen. Diese Vorliebe für weite und gleichzeitig voll beladene Bildkompositionen könnte durchaus mit dem antiken naturphilosophischen Begriff des "Horror Vacui", der "Scheu vor der Leere" umschrieben werden. Ob Dufresne in seiner Ölmalerei, die laut Claude Roger-Marx ein Fest für die Augen sein soll, nach ähnlichen dekorativen Gesichtspunkten vorgegangen ist wie ihn den von ihm entworfenen Teppichkartons, muss hier offen bleiben. Fest steht jedoch, dass der Künstler selbst keine signifikanten Unterschiede zwischen seinen Gemälden und den dekorativen Arbeiten gesehen hat.

Die kaum tonal modulierten Farben bewegen sich in "Ruhe am Strand" grösstenteils in einem kühlen, blau-grünen Bereich, werden aber durch gleichmässig verteilte, knallrote Akzente in Badekleid, Hausdach und Blumentöpfen aufgelockert. Die gleichförmigen, parallel zueinander angebrachten Pinselstriche erinnern an Paul Cézanne. Wie beim bedeutenden Wegbereiter des Kubismus vermitteln die Farbflächen bei Dufresne weder Raum noch Luft oder Atmosphäre, sondern sind überall von gleicher Intensität. Die Farbpalette ist allerdings weniger diejenige Cézannes, die sich mehrheitlich durch kalte Farbakkorde auszeichnet, sondern jene der Fauves, deren Zeitgenosse Dufresne war. Besonders der Gebrauch von roten und gelben Tönen verhilft dem Gemälde zu wärmeren Harmonien. Trotz ihrer Intensivität sind die Farben in Dufresnes Œuvre bisweilen dumpf, was seiner Ölmalerei eine gewisse Schwere verleiht.

Die vereinfachten Formen sind im vorliegenden Gemälde meistens durch wässrige Konturlinien voneinander getrennt und gelegentlich durch Schraffuren plastisch gearbeitet, wie beispielsweise der einfache zylindrische Baumstamm, der hinter den beiden Liegenden emporwächst. Eine gewisse Nähe zum Kubismus, den Dufresne seiner eckigen, schematisierten Formen wegen geschätzt hat, ist festzustellen. Bereits 1934 hat René Huyghe festgehalten, dass seine Kunst eine Art Kreuzung zwischen Fauvismus und Kubismus sei. Obwohl sich dadurch die Schwierigkeit ergibt, den Maler innerhalb der Kunstgeschichtsschreibung eindeutig zu klassifizieren, macht gerade diese Dualität eine von Dufresnes Qualitäten als Künstler aus.

Regine Fluor-Bürg