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Steinherz und Goldherz
  • Franz Eggenschwiler
  • Steinherz und Goldherz, 1969

  • Stein und Bronzeguss
  • je 9.2 x 11.4 x 12.5 cm
  • nicht bezeichnet
  • Kunstmuseum Luzern
  • Inv.-Nr. 521w
  • © Franz und Rosemarie Eggenschwiler-Wiggli Stiftung
  • Jahr von: 1,969
  • Jahr bis: 1,969
Description
Provenance
Exhibition History
Bibliography
Other

Der Stein des Anstosses zu „Steinherz und Goldherz“ gibt die Auffindung eines Steines, der in Franz Eggenschwiler die Vorstellung eines Herzens wachruft. Es liegt auf der Hand, dass die anthropomorphe Form des Steines dem Künstler sofort ins Auge sticht, denn er ist es gewohnt, seine Umwelt mit wachsamen Augen wahrzunehmen: Seit 1955 sammelt er Gegenstände, die er zufällig, aber auch auf Schrottplätzen oder Geröllhalden findet. Aus diesem Arsenal an Fundstücken bildet er seine Plastiken, sei es dass er die Fundstücke telquel verwendet, sei es dass er sich Reproduktionen in Form von Abgüssen bedient. Dabei sind zwei verschiedene Verwertungsverfahren zu unterscheiden: Auf der einen Seite findet sich die Kombination verschiedener Fundstücke zu plastischen Arbeiten; auf der anderen Seite findet sich die Umwertung eines einzelnen, mehr oder weniger unveränderten Fundstücks in eine Plastik.

Die Arbeit „Steinherz und Goldherz“ ist in ihrer heutigen Form der zweiten Gruppe zuzurechnen. Sie besteht aus dem Stein und seiner Reproduktion in Form eines Bronzeabgusses. Ein dritter und wichtiger Teil der Arbeit ist leider verloren gegangen: Es handelt sich dabei um zwei kleine, ineinandergefügte Kartonschachteln, wie sie von den Gemüse- und Früchteregalen in Supermärkten bekannt sind, und ein Stück durchsichtiger Plastikfolie. Wir wissen von diesen Teilen lediglich, weil Eggenschwiler die ursprüngliche Fassung von „Steinherz und Goldherz“ 1970 auf einer Ausstellung der Berner Werkgemeinschaft in der Kölner Kunsthalle zeigt. Eine Fotografie dokumentiert die Präsentation der Arbeit in der Ausstellung: Während der Stein frei liegt, befindet sich die Bronze, eingebettet in die Plastikfolie, in den Kartonschachteln.

Diese irritierende Kombination von Gegenständen und Materialien führt zur Frage nach der künstlerischen Vorgehensweise, die „Steinherz und Goldherz“ zu Grunde liegt. Die Auffindung von „Zufallsbildern“ (Horst Woldemar Janson) wie beispielsweise einem herzförmigen Stein bestimmen bereits italienische Kunsttheoretiker des 15. Jahrhunderts als eine genuin künstlerische Fähigkeit. Nach Leon Battista Alberti und Leonardo da Vinci kann die Entdeckung von Figuren, etwa in Felsen- oder Wolkenformationen, aber auch in Baumstrünken, die Künstler zu neuen Erfindungen anregen. Was Alberti und Leonardo aber grundlegend von Eggenschwiler unterscheidet, ist die künstlerische Verwertung der Zufallsbilder. Weder für Leonardo noch für Alberti ist das Zufallsbild das Kunstwerk selbst, sondern lediglich ein Ausgangspunkt künstlerischer Formgebung.

Mit der Aufhebung dieser Trennung und der damit einhergehenden Ausschaltung der künstlerischen Erfindungsleistung nimmt Eggenschwiler ein wichtiges, von Marcel Duchamp im frühen 20. Jahrhundert mit den ersten Ready-mades initiiertes, die Kunst der 1960er und 1970er Jahre bestimmendes Motiv auf: die Infragestellung eines klassischen Kunstverständnisses durch die Deklaration von Fundstücken und Alltagsgegenständen als Kunstwerke. Eggenschwilers künstlerischer Eingriff an der Arbeit „Steinherz und Goldherz“ beschränkt sich auf einige Kratzer in einer Vertiefung des Steins, die der Akzentuierung der Herzform dienen. Daraus lässt sich ein dem Prinzip der künstlerischen Originalität diametral entgegengesetztes Kunstverständnis ermessen, das die Methode des Naturabgusses in geradezu perfekter Weise bedient, indem sie das Fundstück in einem per se technischen Vorgang nicht einfach verdoppelt, sondern darüber hinausgehend zu einer Bronzeplastik umwertet.

Christian Féraud