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Blick von Brunnen auf den Urirotstock
  • Alexandre Calame
  • Blick von Brunnen auf den Urirotstock, 1857–61

  • Öl auf Karton
  • 35.5 x 46 cm
  • nicht bezeichnet
  • Kunstmuseum Luzern, Eigentum der Schweizerischen Eidgenossenschaft, Gottfried Keller-Stiftung, Bern
  • Inv.-Nr. E 2x
  • © Kunstmuseum Luzern
  • Jahr von: 1,857
  • Jahr bis: 1,861
Description
Provenance
Exhibition History
Bibliography
Other

In den Jahren zwischen 1855 und 61 hält sich Calame jedes Jahr monatelang in der Innerschweiz auf. Besonders oft weilt er in der Gegend von Brunnen am Vierwaldstättersee, der nach dem Berner Oberland zur zweitgrössten Inspirationsquelle des Malers wird. In einem Brief beklagt er seine Unfähigkeit, die eigenartige Stimmung der "blauen Gegend" einzufangen: "Ce point de Brunnen […] est vraiment magnifique, mais si grand, si merveilleux que j’ai à peine l’envie de prendre mes pinceaux, tant je me trouve impuissant. […] je trouve un grand intérêt à comparer le travail de mon imagination avec la réalité. C’est en même temps une satisfaction et un enseignement." Indem Calame seine vollendeten Bilder einer Kontrolle vor Ort unterzieht und überprüft, ob sie dem Realitätseindruck standhalten können, fordert er sich selber zu einer Art neuen, unkonventionellen Sehens auf. Die vorliegende Ölstudie zeugt von Calames Versuch, der Realität anders beizukommen, als mit den überkommenen und bewährten Kompositionsschematas.

Ohne einen eigentlichen Vordergrund, der traditionell in das Bild hineinführt und ohne seitliche Uferzonen, erstreckt sich der Urnersee über das gesamte untere Drittel der Leinwand. Dabei wird das Auge nicht wie gewöhnlich perspektivisch in die Tiefe geleitet, sondern der See wirkt als blaue Fläche, deren tonale Abstufungen dennoch Räumlichkeit suggerieren. Aus der glatten Oberfläche ragen die schroffen Felsen der Innerschweizer Alpen empor. Ein vom Wasserspiegel hochsteigender Schleier aus feuchter Luft hat sich über die Landschaft gelegt und verschmilzt mit den lockeren Wolkenfetzen, die die schneebedeckte Bergspitze des Urirotstock einhüllen.

Die Studie zeigt deutlich Calames Faszination für das Element Wasser in all seinen Formen und Aggregatszuständen. Ebenso demonstriert sie seine profunden Kenntnisse in Bezug auf die unterschiedlichen Qualitäten des Tageslichts und auf dessen atmosphärische Wirkung. Farblich resultieren seine Beobachtungen in reichen tonalen Abstufungen und Spiegelungen. Das Blau des Urnersees legt sich als eine dünne grau-blaue Farbschicht über das Gebirge, während sich dessen warme Ockertöne im dichten Blau des Wassers wieder finden. Diese Verzahnung von kalten und warmen Farbtönen tragen entscheidend zur stimmigen Gesamtwirkung der Ölstudie bei. Es sind solche unkonventionellen Studien, die das Interesse für Calame um die Jahrhundertwende neu zu entfachen vermögen. Der Maler hingegen hat diese Bilder nur als "Etüden", also eine Art Fingerübung taxiert. Er hat sie nie ausgestellt und nur selten verkauft oder einem Freund verschenkt. Erst nach seinem Tode gelangen sie beim Nachlass-Verkauf im Pariser Hôtel Drouot an die Öffentlichkeit, wo sie mit Begeisterung aufgenommen werden.

Regine Fluor-Bürgi