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Kühle Relation/Konversion
  • Camille Graeser
  • Kühle Relation/Konversion, 1966

  • Acryl auf Leinwand
  • 120 x 120 cm
  • bezeichnet verso: "Graeser"
  • Kunstmuseum Luzern, Eigentum der Schweizerischen Eidgenossenschaft, Gottfried Keller-Stiftung, Bern
  • Inv.-Nr. E 91.91x
  • © Camille Graeser-Stiftung
  • Jahr von: 1'966
  • Jahr bis: 1'966
Werkbeschrieb
Provenienz
Ausstellungsgeschichte
Literatur
Weiteres

Die konkrete Kunst entfernt sich nach Möglichkeit von der sichtbaren Welt, um dem Bild jegliche Abhängigkeit von allen sichtbaren Vorgaben zu nehmen. Dieses Bestreben war im Übrigen (schon bei Theo van Doesburg) der Grund, weshalb der Begriff „abstrakt“ abgelehnt wurde. Das abstrakte Bild, so wurde argumentiert, ist insofern von der ausserbildlichen Welt abhängig, als in ihm von dieser Welt abstrahiert wird. Die abstrakten Bilder erschienen in dieser Argumentation immerhin noch von der Natur abgezogen (abstrahere = abziehen). Demgegenüber strebten die Konkreten eine Malerei an, durch die sich die Welt im Bild selbst verdichtet (concrescere = zusammenwachsen).

In ihrer konsequenten Haltung stellt die konkrete Malerei das Wesen des Bildes in Frage. Sobald Malerei keine Beziehung zur Welt unterhält und nur noch sich selbst zeigt, hört sie auf, Bilder hervorzubringen, wenn nicht verneint werden soll, dass ein Bild immer das Bild von etwas ist. Mit der konkreten Malerei ist die Illusionismuskritik, die das Verschwinden des Bildes in der perfekten Illusion bekämpft hatte, in einer Zirkelbewegung am gleichen Punkt angekommen, von dem sie in der Mitte des 19. Jahrhunderts aufgebrochen war. Eugen Gomringer hat diesen Sachverhalt beschrieben, indem er – mit einem Rückgriff auf eine Unterteilung des deutschen Philosophen Immanuel Kant – darauf hinwies, dass die konkrete Kunst das Kunstschöne unabhängig vom Naturschönen suche. Schönheit und Ausstrahlung von Werken der konkreten Kunst bleiben von diesen kunsttheoretischen Einwänden weitgehend unbeeinträchtigt.

Eugen Gomringer verdanken wir auch den Hinweis auf die Bedeutung des Begriffs der „Relation“ für die Malerei von Camille Graeser. Der Stellenwert dieses Begriffs kann ohne weiteres auf die gesamte konkrete Malerei ausgeweitet werden. Durch den Aufbau von Beziehungen oder Relationen unter den einzelnen Teilen des Bildes unterscheidet sich die konkrete Malerei von der zeitgleichen ungegenständlichen Malerei Amerikas, die sich durch ihr non-relational, das Durchkreuzen von Beziehungen (Jackson Pollock) oder das Sprengen von Zusammenhängen (Barnett Newman) von den europäischen Tradition, vor allem von Piet Mondrian, absetzen will. Vor diesem Hintergrund erhält das Werk „Kühle Relation/ Konversion“ seinen besonderen Stellenwert.

Der Titel, der bei einem konkreten Bild dem Werk immer nachgeordnet sein muss, weil er im strengen Sinn von sich auf nichts bedeuten darf, kann gleichwohl einen ersten Hinweis auf den Bau des Bildes liefern. Das Adjektiv „kühl“ bezeichnet ohne Zweifel die Zusammenstellung der Farben Blau, Grün, Schwarz, Weiss und Grau. Zur Erläuterung der „Konversion“ gilt es zunächst, den allgemeinen Aufbau des Bildes zu beschreiben. Das Bild ist in vier gleich breite waagrechte Streifen unterteilt, deren zwei untere noch einmal je halbiert werden, während drei senkrechte Linien den obersten Streifen in vier Quadrate teilen. Die Mittellinie bildet eine Horizont- und Symmetrielinie. Über diese Symmetrieachse erfolgt die Konversion des grünen und des blauen Balkens in zwei blaue und zwei grüne Quadrate, die für sich genommen und zusammengerechnet wieder dieselbe Fläche bedecken wie die bei den ersten Balken. Zwei übereinander liegende Balken haben sich auf diese Weise in vier nebeneinander stehende Quadrate verwandelt.

Für die zweite Verwandlung, die wiederum über eine Spiegelung an der Horizontlinie vorgenommen wird, wählt Graeser ein anderes Vorgehen. Der schwarze und der weisse Balken werden konvertiert, indem die beiden zu einem Streifen zusammengelegt werden, der die zwei Farben in gleichen Anteilen enthält. Diese einfache Gliederung der Bildfläche erzeugt – gerade auch im Zusammenhang mit der beschriebenen Gesetzmässigkeit und den kühlen Farben – die klassisch schlichte Wirkung des Bildes. Die Gruppe der Streifenbilder dominiert im Schaffen von Camille Graeser die 1960er Jahre, teilweise mit gleichem, teilweise mit verändertem Flächenaufbau. Aus dieser Serie gehen dann jene Arbeiten mit dem herausgedrehten einzelnen Quadrat hervor, die das Spätwerk von Graeser kennzeichnen. Beide Serien bilden unzweifelhaft den Hauptbeitrag Graesers an die konkrete Malerei. Das Werk „Kühle Relation/Konversion“ selbst nimmt, nicht zuletzt auch durch seinen Verzicht auf den mit Primärfarben arbeitenden Kontrast, im Œuvre von Camille Graeser eine herausragende Stellung ein.

Hans-Peter Wittwer (leicht redigierter Text von 1993)