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Winterliches Stadtbild. Rue d'Ostende
  • James Ensor
  • Winterliches Stadtbild. Rue d'Ostende, vermutlich um 1935

  • Öl auf Leinwand
  • 45.7 x 40.7 cm
  • signiert unten links: "ENSOR", und verso: "James Ensor"
  • Kunstmuseum Luzern, Depositum der Stadt Luzern
  • Inv.-Nr. G 725x
  • © 2008, ProLitteris, Zurich
  • Jahr von: 1'881
  • Jahr bis: 1'935
Werkbeschrieb
Provenienz
Ausstellungsgeschichte
Literatur
Weiteres

Von einem erhöhten Standpunkt aus fällt der Blick in eine breite, schneebedeckte Strasse. Die Häuserzeile auf der linken Seite und das grosse mehrstöckige Haus mit brauner Fassade rechts leiten den Blick zum Horizont. Dort hebt sich eine Häusergruppe durch die rote Farbe der Fassaden vom sanften Blau des Schnees und des Himmels ab. Am unteren Bildrand befindet sich mitten auf der Strasse ein Einspänner. Daneben ist scheinbar ein Mann im Begriff, Schnee von der Strasse in den einachsigen Wagen zu schaufeln. Ansonsten ist die Strasse leer.

Die dezenten Farben des Schnees und des Himmels dominieren das Bild. Wie ein leuchtender Strich betont die orange Fassade in der linken Häuserzeile die Bildmitte. Auf kräftige Farben wird weitgehend verzichtet und wenn sie vorkommen, dann in der abgeschwächten Form: Statt reines Rot wird ein mit Gelb abgeschwächtes eingesetzt; anstelle eines satten Dunkelbrauns erhält die Fassade am rechten Bildrand eine helle Variante des Farbtons.

Das Bild ist auf der Vorder- und Rückseite signiert, aber nirgends datiert. Im Museum voor Schone Kunsten in Ostende befindet sich ein Ölgemälde von Ensor, das vom Bildausschnitt her mit dem Gemälde im Kunstmuseum Luzern übereinstimmt. Auf der in pastoserem Farbauftrag ausgeführten belgischen Variante fehlt die Kutsche. Das belgische Bild mit dem Titel „De Van Iseghemlaan onder de Sneeuw“ (Die van Iseghemlaan im Schnee) ist unten rechts mit „J. ENSOR/janvier 81“ gekennzeichnet (Bild in: Ensor in Oostendse Verzamelingen, Ostende 1985, S. 55). Ebenfalls in der Sammlung des Ostender Museums befindet sich eine undatierte Skizze mit dem Pferdegespann und dem Schnee schaufelnden Mann (Bild: ebd. S. 86).

Der Blickwinkel von oben auf die Szene legt nahe, dass im Bildausschnitt der Ausblick aus Ensors Atelier festgehalten ist. Sein Atelier hat der sein Leben lang mit Ostende verbundene Künstler unter dem Dach eingerichtet – in einem Haus, bei dem sich die Rue de Flandre und der Boulevard van Iseghem kreuzen. Wiederholt zeigen Ensors Bilder den Ausblick vom hochgelegenen Atelier. Dennoch werden im Allgemeinen nicht Strassenszenen oder Landschaften mit Ensor in Verbindung gebracht, sondern vor allem wilde Bilder mit fratzenhaften Masken. Bereits diese Werke aus der Hauptphase weisen die für Ensor typische Farbgebung von schmutzigem Weiss als Grundfarbe zusammen mit hellem Gelb und Rosa auf. Ensor geht es um die Tonwerte und das Licht. Klare Umrisse spielen keine Bedeutung, nur der Eindruck des Bildes zählt. Das bringt ihn in die Nähe des Impressionismus, für den er allerdings wenig übrig gehabt hat. Er hat sich stets dagegen gewehrt, mit den Impressionisten in eine Reihe gestellt zu werden.

Offen bleibt der Versuch, das undatierte Bild innerhalb Ensors Werk einzuordnen. Das mit dem Gemälde aus Ostende übereinstimmende Motiv verleitet, für die Entstehung des „Winterlichen Stadtbildes“ ebenfalls das Jahr 1881 anzusetzen. Damit wäre diese Strassenszene ein Werk aus der Frühphase. Jedoch allein schon aufgrund der Farbpalette ist dies auszuschliessen. Ensors frühe Bilder sind mit dunklen Farben gemalt. Weil Pastelltöne für die späten Werke stehen, muss das „Winterliche Stadtbild“ zum Spätwerk gehören. Für die Übereinstimmung des Bildmotivs gibt es dennoch eine Erklärung: Ensor hat in seiner Spätphase oftmals Motive von früheren Werken in veränderter Form wiederholt. Das Gemälde aus dem Kunstmuseum Luzern nimmt somit in der Spätphase das Bildmotiv des Werkes aus dem Stedelijk Museum wieder auf. Belegt wird diese Vermutung mit einer Untersuchung der Signatur. Im Laufe der Zeit hat Ensor die Art zu unterzeichnen immer wieder ein wenig verändert. Beim vorliegenden Bild hat er nur mit dem Nachnamen unterschrieben. Der Rücken des "E" ist gerade, während beim "R" der Aufstrich wegfällt, sodass der Buchstabe an eine Zwei erinnert. Diese Signierungsform findet sich vor allem bei Bildern, die um die Mitte der 1930er Jahre entstanden sind.

Das Luzerner Gemälde erinnert formal zwar an die Pleinairmalerei, ist aber in einem Atelier entstanden. Stammt das Bild wie angenommen aus den 1930er Jahren, zeigt es eine Ansicht der Strasse, die sich Ensor zu diesem Zeitpunkt so nicht mehr bot. 1917 ist er an die Rue de Flandre umgezogen. Deshalb muss er sich ganz auf das ältere Gemälde als Vorlage gestützt haben.

Sonja Gasser