deutschenglish
Denkmäler an die Frau
  • Moriz Melzer
  • Denkmäler an die Frau, 1913

  • Ölfarbmonotypie auf Papier, auf Leinwand aufgezogen
  • 116.5 x 89 cm
  • signiert unten rechts: "Melzer"; Spannrahmen, im Kreuz links, mit Bleistift: "Melzer - Paris"; Zierrahmen, mit lachsfarbener Kreide: "Melzer Paris"
  • Kunstmuseum Luzern
  • Inv.-Nr. 348x
  • © Kunstmuseum Luzern
  • Jahr von: 1,913
  • Jahr bis: 1,913
Description
Provenance
Exhibition History
Bibliography
Other

„Denkmäler an die Frau“ von Moriz Melzer ist aus geschichtlicher Perspektive betreffend der Darstellung und der Idealisierung der Frau fragwürdig. Welche Rolle wird der Frau hier auferlegt, welches Bild und welches Denkmal erhält sie?

Das Bild gliedert sich in verschiedene Schichten. Der brauntonige Vordergrund schiebt sich von der linken Ecke schräg ins Bild und eröffnet die Sicht auf eine blaugrüne hügelige Landschaft. Auf der linken Seite nimmt eine sitzende, gedrungene Frauenfigur in dunkler Farbe wie in anderen Monotypien Melzers (KML Inv.-Nr. 95.131y) die Eckposition ein und eröffnet den Einstieg ins Bild, indem sie durch ihr verdrehtes Knie und die Drehung des Kopfes ins Bild weist. Durch ihre Nähe und Frontalität konfrontiert sie den Betrachter mit ihrer Nacktheit, während ihr Blick auf die leicht nach hinten versetzt, quer im Bild liegende Frauenfigur führt. Diese scheint lasziv in sich versunken. Hinter dem erotisch anmutenden Frauenkörper krabbelt jedoch ein Kind hervor, sodass die Erotik der Frau durch ihre Rolle als Mutter überdeckt wird. Hinter der liegenden Figur – bildlich von der Krümmung ihres Körpers eingefasst – steigt eine Dreiergruppe hervor. In der dreifachen Wiederholung des stehenden weiblichen Aktes in jeweils anderer Ansicht (frontal, seitlich, rücklings) erinnert diese Gruppe an die Darstellung der drei Grazien in Antike und Renaissance. Anders als bei den Grazien tragen die Frauen allerdings Kinder auf dem Arm, die sie über ihren Kopf schwingen. Die Drehbewegung sowohl in der Aufeinanderfolge der drei Figuren als auch im Schwung ihrer Arme wird ornamental im blauen Blättermotiv über sie hinaus weitergeführt und bildet den Übergang zur hügeligen Landschaft im Hintergrund.

Auf den einzelnen Hügeln befinden sich in die Landschaft eingepasst drei verschiedene Gruppierungen von Frauen. In nächster Nähe liegen Frauen und Kinder wie in einer Badeszene „im Grünen“. Im mittleren Bereich scheinen zwei Frauen wie eine Schutzmantelmadonna ihre Arme über den Kindern auszubreiten. Die an die Muttergottes erinnernde Darstellung ist neben den Badeszenen ein beliebtes Sujet von Melzer und trifft sich in gewisser Weise mit einem weiteren Titel des Bildes „Tal der gläubigen Frauen“. In einer anderen Gruppierung ganz zuhinterst und zuoberst am Horizont wird eher der sportliche Charakter in den Gestikulationen von Leibesübungen betont, die sowohl in anderen Bildern von Melzer aus der Sammlung des Kunstmuseums Luzerns (KML Inv.-Nr. 95.130y und KML Inv.-Nr. 95.132y) als auch der Brückemaler in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts zentrales Thema sind und auf die damalige Körperkultur verweisen.

Das Bild vermittelt verschiedene Frauenbilder wie der erotisch, anziehende, durch Körperübungen ertüchtigte Körper und die schützende, sich aufopfernde Mutter. Das für die damalige Zeit Besondere, aber auch aus der Perspektive der Geschichte Problematische ist die Einbettung in die Natur bzw. sogar ihr Entstehen aus der Natur, was sich hier im Bild neben dem landschaftlichen Umfeld auch im fliessenden Übergang der Beine in den Boden zeigt. Die Einbettung in die Natur und die ornamentale Darstellung verleiht der Szene paradiesischen, mythologischen und idealisierenden Charakter, der die Gefahr in sich barg, für ideologische Zwecke missbraucht zu werden. Gerade der Titel „Denkmal an die Frau“ oder „Denkmäler an die Frauen“ unterstützt diese Perspektive, obwohl Melzers Kunst dann später als „entartet“ verfemt wurde. Der eigenwillige Charakter zeigt sich auch hier in der Art und Weise, denn nicht nur der Titel nimmt die Thematik des Denkmals auf, sondern auch die an Skulpturen erinnernden Gruppierungen in der Landschaft. Da dieses bislang vor allem männlichen Helden und ehrenswerten, herausragenden Persönlichkeiten galt, ist das Gedenken an die Frau und ihrer Tätigkeit eine Neuerung, die sich gleichzeitig bei skulpturalen Denkmälern im öffentlichen Raum vollzieht. Allerdings tritt auch hier wieder ihre Persönlichkeit in den Hintergrund, während eine idealisierende Vorstellung von naturverbundener Weiblichkeit und sorgender Mutter entworfen wird.

Das Werk des Kunstmuseums Luzern ist auf der Rückseite mit "Melzer-Paris" signiert worden. Es muss somit in der Pariser Zeit von Melzer entstanden sein, also höchstwahrscheinlich 1913. An einer Ausstellung in der Galerie Hans Goltz in München werden in diesem Jahr zwei "Denkmäler an die Frau" gezeigt, die unterschiedliche Nummerierungen (I. und II.) aufweisen. Zusammen mit der Nummerierung des Werks des Kunstmuseums Luzern mit „Ep.IV“ steht fest, dass es mindesten vier Arbeiten von dem gleichen Motiv gegeben hat.

Annamira Jochim