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Killing of a pregnant Woman
  • Martin Disler
  • Killing of a pregnant Woman, 1982

  • Acryl auf Baumwolle
  • 286 x 351 cm
  • signiert und datiert unten links: "disler 82", bezeichnet verso, rechts: "82/Killing of a pregnant woman", und signiert, rechts unten: "disler":
  • Kunstmuseum Luzern, Depositum der Stadt Luzern
  • Inv.-Nr. GH 88.58x
  • © Nachlass Martin Disler Schweiz/courtesy Elisabeth Kaufmann Galerie Zürich
  • Jahr von: 1,982
  • Jahr bis: 1,982
Description
Provenance
Exhibition History
Bibliography
Other

Das grossformatige Gemälde mit dem eindringlichen Titel "Killing of a pregnant woman" ordnet sich ein in eine Reihe von Leinwandbildern mit beinahe identischen Massen und ähnlichem malerischen Gestus, welche Martin Disler in den Jahren um 1982 schafft. Die riesige Leinwand zeigt eine abstrakte, in kräftigen Farben und energischem Pinselduktus gearbeitete Komposition. In der oberen Mitte des Bildfeldes dominiert eine in heller Fleischfarbe gemalte, im Wesentlichen triangulär angelegte Fläche, die durch den oberen Bildrand angeschnitten ist. Umgeben – hinterlegt und überlappt – wird sie von dunkleren, vornehmlich in Schwarz- und Blautönen gehaltenen zeichenhaften Bildelementen. Wie jedoch die vom unteren Rand her verlaufenden schmalen und spitzigen Formen in das helle Zentrum des Bildes hineinzuragen scheinen, verlängert sich gleichsam als Antwort darauf das blassrote Dreiecksgebilde zu einer gelb gefärbten Spitze, die über den linken Bildrand hinausweist. Der vermeintliche Hintergrund – die eher flächigen dunkleren Zonen des Gemäldes – verschränkt sich so mit dem objekthaften hellen Element in der Bildmitte und scheint dieses von allen Seiten zu umgreifen und gar zu attackieren. So stellt sich der Eindruck der Dynamik der Komposition und der Bewegtheit der einzelnen Bildelemente ein, die notabene nicht als vollständig voneinander isolierte zu begreifen sind, sondern zum Teil auch fliessend ineinander übergehen. Dieser Anschein entsteht jedoch nicht bloss wegen des Ineinandergreifens der einzelnen Flächen und der so erzielten merkwürdigen Tiefenwirkung, sondern zugleich aufgrund der "Entrücktheit" des zentralen hellen Bereichs nach rechts oben und dessen Hinausgreifen über den Bildrand.

Im Wissen um die Bedeutung von Literatur und Sprache für Martin Disler gilt es, auch dem Titel des Werkes, "Killing of a pregnant woman", angemessene Beachtung zu schenken. Wiederholt (er)findet der Künstler programmatische Titel für seine Arbeiten und Ausstellungsprojekte ("Invasion durch eine falsche Sprache", "Die Umgebung der Liebe", "Öffnung eines Massengrabes", u.a.), die seine Beschäftigung mit den existentiellen Themen Leben und Tod unterstreichen. Der drastische Titel löst sich freilich nicht unmittelbar im Bild ein – irgendein figuratives "Motiv" oder eine einfache Formel, die mit dem Titel korrespondieren würden, lassen sich in dem Gemälde nicht finden, wohl aber das Impulsive und Gewalttätige, das ebendieser Titel suggeriert. Was die Wahl des Englischen als Sprache für den Titel angeht, so spielt gewiss das Motiv der Verfremdung eine Rolle, aber ebenso Dislers biographischer Bezug zum angelsächsischen Sprachraum (im Katalog der documenta 7, wo dieses Gemälde präsentiert wird, ist der aktuelle Wohnsitz des Künstlers mit "New York/USA" angegeben). Im vorliegenden Fall jedoch ist die englische Sprache auch einfach präziser als die deutsche: die Gerundivform "Killing" impliziert eine Aktion, einen Prozess oder eine Bewegung und reflektiert somit die Dynamik der Bildkomposition. In einem Text Martin Dislers im documenta 7-Katalog heisst es: "Der Maler (…) spricht, aber seine Wörter prasseln von meinen Bildern ab." (in: Ausst.-Kat. documenta 7, Band 1, 1982, S. 361). Auch die Symbolik des Bildes – sofern man unter diesen Umständen überhaupt von einer solchen sprechen mag – bleibt, wie das Verhältnis von Sprache und Bild, ambivalent.

Isabel Fluri