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Der Älpler
  • Auguste Baud-Bovy
  • Der Älpler, 1887

  • Öl auf Leinwand
  • 93 x 121 cm
  • signiert und bezeichnet unten links: "A. Baud Bovy./Lattreien."
  • Kunstmuseum Luzern, Eigentum der Schweizerischen Eidgenossenschaft, Gottfried Keller-Stiftung, Bern
  • Inv.-Nr. E 1x
  • © Kunstmuseum Luzern
  • Jahr von: 1,887
  • Jahr bis: 1,887
Description
Provenance
Exhibition History
Bibliography
Other

Auguste Baud-Bovys aufkeimendes Interesse für die Schweizer Bergwelt veranlasst ihn dazu, 1885 und 1886 längere Aufenthalte im Berner Oberland zu verbringen und Paris schliesslich 1888 ganz den Rücken zu kehren, um nach Aeschi oberhalb des Thunersees zu übersiedeln. Dort gilt seine Faszination nicht der wilden und bedrohlichen Seite der Berge, wie sie die Romantiker Alexandre Calame und François Diday in der Jahrhundertmitte zur Darstellung brachten, sondern einem anderen Aspekt: Den im Einklang mit der idyllischen Natur lebenden Älplern und Hirten, die unberührt von der als verderblich erachteten industriellen Zivilisation als friedliche und selbstgenügsame Gemeinschaft ihr Dasein fristen. Weil sie damit ein seit der Antike tradiertes Ideal erfüllen werden sie zum Faszinosum, das seit dem Ende des 18. Jahrhundert europäische Reisende und Künstler in die Schweizer Alpen zog. Baud-Bovy, Giovanni Segantini oder später auch Ludwig Kirchner entscheiden sich sogar dazu, sich ganz dort niederzulassen.

Folgerichtig malt Baud-Bovy im Berner Oberland nicht nur Alpenpanoramen, sondern erhebt auch die Älpler zum zentralen Bildmotiv. Auf unzähligen kleinen Skizzenblättern, die ihm später im Atelier in Aeschi als Vorlagen dienen, hält er sie bei ihren alltäglichen Arbeiten fest: Die Alte beim Spinnen, das Mädchen beim Stricken, den Senn beim Käsen. Oft stellt er seine Staffelei aber selbst bei eisigen Temperaturen direkt im Freien auf und malt die Hirten oder Holzfäller „en plein air“. Alle Porträtierten zeichnen sich durch ihre ruhigen, besonnenen Gesten und den Ernst aus, mit welchem sie sich ihrer Tätigkeit widmen. So auch „Der Älpler“, der mit Hilfe eines Traggestells einen grossen Laib Käse transportiert. Durch den Zusatz „Lattreien“ unter Baud-Bovys Signatur in der Ecke unten links kann der Schauplatz der Szene identifiziert werden. Dank dem Hinweis seiner Nachfahren wurde ausserdem in Erfahrung gebracht, dass es sich beim Dargestellten um den 27-jährigen Johannes Lengacher von Mülenen handelt, der als Träger Käselaibe von der Alp Lattreien ins Tal nach Suld brachte. Das „Räf“ von Lengacher existiert noch heute und ist im Bild detailtreu wiedergegeben. Von diesem Realismus zeugt auch der Panoramaausschnitt im Hintergrund, auf welchem die Blüemlisalp zu erkennen ist. Die im „Älpler“ angewandte eigentümliche Kombination von Figuren- und Landschaftsbild benützt Baud-Bovy auch in anderen Werken dieser Jahre. Dabei erhebt er die Dargestellten vor der kulissenartig wirkenden Berglandschaft teilweise zu heroischen Gestalten – ein Ergebnis, das er insbesondere durch den Einsatz von Elementen wie Nebel, Wolken und atmosphärischen Lichteffekten erlangt, die auch für seine späten symbolistischen Landschaftsbilder charakteristisch sind.

Anne-Christine Strobel