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Autoritratto
  • Giovanni Giacometti
  • Autoritratto, 1923

  • Öl auf Leinwand
  • 73.5 x 61 cm
  • signiert unten rechts: "G G"; signiert und datiert verso: "Giovni Giacometti/1923"
  • Kunstmuseum Luzern, Eigentum der Schweizerischen Eidgenossenschaft, Gottfried Keller-Stiftung, Bern
  • Inv.-Nr. E 76x
  • © Kunstmuseum Luzern
  • Jahr von: 1'923
  • Jahr bis: 1'923
Werkbeschrieb
Provenienz
Ausstellungsgeschichte
Literatur
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Das Thema des Selbstbildnisses hat Giovanni Giacometti zeit seines Lebens beschäftigt. Die ersten Selbstporträts entstehen in den 1880er Jahren während seiner Studienzeit in Paris, wo er nicht nur sich selbst, sondern auch seinen Freund Cuno Amiet porträtiert. Aus der gleichen Zeit sind auch Bildnisse Amiets erhalten, die Giacometti als jungen Mann posierend oder während der Arbeit an der Staffelei zeigen. Während Amiet in einer grossen Zahl von Selbstbildnissen anhand des immergleichen Sujets neue künstlerische Mittel zu erproben und damit die Spanne der bildnerischen Möglichkeiten auszuloten scheint, zeichnen sich Giacomettis Bildnisse durch eine grössere Konstanz aus: in den meisten Porträts zeigt sich der Künstler als Brust- oder Halbfigur, den Oberkörper in Bezug zur Bildfläche um 45 oder 90 Grad abgedreht, den Kopf entweder dem Betrachter frontal oder im Dreiviertelprofil zugewendet.

In den 1920er Jahren nehmen die Selbstbildnisse im Werk Giacomettis zu; der Künstler zeigt sich in diesen Jahren entweder vor offenem Fenster oder in seinem Atelier. Sein Ausdruck ist in vielen dieser Bildnisse von Bewegung geprägt: während der Oberkörper seitlich zur Bildfläche und in einigen Bildnissen sogar beinahe in Rückenansicht gezeigt wird, wendet sich das Gesicht des Porträtierten in energischem Schwung dem Betrachter zu. Die Bewegtheit und Intensität, die sich durch die unterschiedlichen Richtungsachsen von Körper- und Kopfhaltung ergibt, spiegelt sich auch im Blick: Mit beiden Augen fixiert der Dargestellte nicht nur sein Spiegelbild, sondern auch den Betrachter des Bildes.

Auch das Selbstbildnis aus dem Jahre 1923, welches sich in der Sammlung des Kunstmuseums Luzern befindet, ist von Bewegung und Intensität des Ausdrucks geprägt: Den Oberkörper leicht nach rechts, den Kopf jedoch in die entgegen gesetzte Richtung gewendet, blickt sich der Maler unvermittelt in die Augen. Sein rechter Arm ist leicht angehoben, und der gelbe Malerkittel lässt vermuten, dass sich Giacometti genau so, wie er sich selbst im Spiegel erkennt, auf der Leinwand fixiert: er zeigt sich nämlich während der Arbeit an eben jenem Bild, welches im Selbstbildnis nicht etwa als Bild im Bild zu sehen ist, sondern welches wir als Ergebnis seiner Arbeit vor uns haben.

Wie auch in einem anderen Selbstbildnis aus demselben Jahr ("Autoritratto", Werkverzeichnis 1923.02, Privatbesitz) wählt Giacometti als Bildhintergrund eines seiner Bilder: es handelt sich in diesem Fall um das Gemälde „Quant’è bella giovinezza“ (Privatbesitz), an welchem der Künstler zu dieser Zeit arbeitete. Der Titel dieses Bildes zitiert die erste Zeile eines Gedichtes von Lorenzo il Magnifico (1449-1492), das im Bergell als Volkslied oft gesunden wurde: „Quant’è bella, giovinezza / Che si fugge tuttavia! / Chi vuol esser lieto sia! / Di doman non c’è certezza!“. (Wie schön ist die Jugend, / die dennoch enteilt! / Wer glücklich sein will, sei es! / Über das Morgen gibt es keine Gewissheit.) Die Gleichzeitigkeit von unbeschwerter Freude und dem Wissen um deren Vergänglichkeit, die in diesen Zeilen angesprochen wird, sind Thema des Bildes: es zeigt eine fröhliche Runde junger Menschen, die sich in frühlingshaftem Sonnenlicht und inmitten von Blumen an Musik und geselligem Zusammensein erfreuen. Nur ganz links im Bild erhebt eine dunkel gekleidete Figur die Hand, um die ausgelassene Gruppe an die Vergänglichkeit alles Irdischen zu erinnern.

Der Maler hat sich nun so vor dem erwähnten Gemälde positioniert, dass sich rechts im Bild in spiegelbildlicher Umkehrung genau diese mahnende, dunkle Frauenfigur befindet. Giacometti konfrontiert in diesem Bildnis seine Selbstschau mit der Vergänglichkeit des menschlichen Seins; es handelt sich also nicht nur um ein Künstlerbildnis, in dem sich der Porträtierte in seiner Rolle als Maler befragt, sondern um eine Selbstbefragung, mit der der beinahe 60-jährige Künstler die Endlichkeit seiner eigenen Existenz thematisiert.

Barbara von Flüe