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There and Here, Here and There
  • Richard Deacon
  • There and Here, Here and There, 1987

  • laminiertes Holz, Wachs, Schrauben
  • 202 x 161 x 122 cm
  • Kunstmuseum Luzern
  • Inv.-Nr. 89.9w
  • © Richard Deacon
  • Jahr von: 1,987
  • Jahr bis: 1,987
Description
Provenance
Exhibition History
Bibliography

Die Skulptur "There and Here, Here and There" ist aus mehrschichtigem Holz hergestellt. Für die Formung verwendete der Künstler eine Passform, über die die einzelnen Schichten gepresst und dann Lage für Lage verleimt wurden. Dabei ist eine grosse geschwungene Form entstanden, die sowohl ein Volumen umschreibt als auch von grosser Durchlässigkeit geprägt ist. Die Skulptur gehört zu einer Gruppe von Werken, deren Gemeinsamkeit raumgreifende Wölbungen und geschwungene Linien, seien sie aus Holz oder aus genietetem Metall, ist. Ebenso tragen viele dieser zwischen 1984 und 1988 entstandenen Werke assoziative Titel wie "For Those Who Have Ears", "Double Talk", "Listening to Reason", "Other Men's Eyes" oder "This, That and the Other". Sprache hat für den Künstler zentrale Bedeutung. Mit der Sprache würden wir die Welt erfassen, das heisst Dinge sowohl erkennen, benennen als auch gestalten. Mund, Auge, Ohr, Sprechen, Sehen, Hören sind deshalb als linguistische Begriffe den Skulpturen beigestellt, um auf den Rezeptionsprozess des Betrachters und der Betrachterin zu verweisen und haben keinen mimetischen Inhalt.

In gleicher Weise ist auch der Titel der Skulptur "There and Here, Here and There" nicht mit der Frage nach deren Abbildhaftigkeit zu entschlüsseln. Mit dem Titel ist vielmehr die direkte Rede eines Betrachters (oder des Künstlers) in Verbindung zu bringen, der auf eine Beobachtung verweist. "Dort und hier, hier und dort" meint eine mögliche räumliche Disposition, eine Verortung, die von verschiedenen Punkten aus erfolgen kann. Damit verweist der Titel auf zwei Dinge: erstens auf ein Grundphänomen bildhauerischen Schaffens, nämlich darauf, dass ein dreidimensionaler Körper nur aus verschiedenen Richtungen betrachtet in seiner Vollständigkeit erfasst und beschrieben werden kann, und zweitens auf die Möglichkeit unterschiedlicher Lesbarkeit.

Es stellt sich die Frage, auf welcher bildhauerischen Tradition die Skulptur gründet. Was wir sehen ist das Ergebnis eines Fabrikationsprozesses, der sich nicht grundsätzlich von einer gebräuchlichen handwerklichen Technik unterscheidet. Die Holzschichten werden gebogen, verleimt, genietet, wie das ein Schreiner tut. Der Unterschied besteht in der Art und Weise, wie der Künstler-Schreiner die letzte Holzschicht sichtbar vernietet. Damit erfährt das Handwerkliche eine besondere Betonung, dies als Abgrenzung zu einem Kunstverständnis, das die Herstellung von Dingen im Dienste der Ästhetik und der Abbildhaftigkeit als Ziel versteht. Somit steht Deacon in einer Beziehung zu künstlerischen Positionen wie der Minimal Art, die sich explizit mit künstlerischen Techniken beschäftigte, die auf der Basis von vorfabrizierten Produkten und einfach verarbeitbaren Prozessen aufbaute. Der Unterschied ist bei Deacon die Ablesbarkeit der Herstellungspraxis. Die Entstehung der Skulptur ist auch in ihrer Schlussform noch nachvollziehbar, und sie soll, so wie es der Titel mit den räumlich und zeitlich offenen Parametern formuliert, als Teil einer Handlung verstanden werden. Die Skulptur ist nicht das Ziel und das Objekt der Betrachtung, sondern der Ausgangspunkt einer Reflexion über unser Verständnis der Dinge und der Rolle, die wir dem Künstler in der Verbildlichung der Welt zuordnen. Der Künstler propagiert eine dialogische Vorgehensweise, mit "There and Here, Here and There" stellt er eine Disposition zur Verfügung, die ein partizipatives Angebot beinhaltet.

Christoph Lichtin