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Die bildenden Künste
  • Josef Reinhard
  • Die bildenden Künste, 1775

  • Öl auf Leinwand
  • signiert und datiert unten rechts: "ańo Domini MDCCLXXV Jos: Reinnert"
  • Kunstmuseum Luzern, Depositum des Kantons Luzern
  • Inv.-Nr. F 2x
  • © Kunstmuseum Luzern
  • Jahr von: 1,775
  • Jahr bis: 1,775
Description
Provenance
Exhibition History
Bibliography
Other

Im Sommer 1773 kehrte Josef Reinhard nach achtjähriger Ausbildungszeit in Lucca und Rom nach Luzern zurück. Er sprach sogleich beim Rat vor, der seine Ausbildung mit Stipendien finanziert hatte, und will sich für die Unterstützung, die er genossen hatte, erkenntlich zeigen. Gemäss Ratsprotokoll vom 5. Juli 1773 schlägt er vor, als Zeichen seines Dankes ein Bild „als ein Gespan zu demjenigen Gemähl, so die Enthaubtung des Hl. Johannes vorstellet, an der Maur aufhängen zu dürfen“. Bei dem „Gespan“ handelt es sich um das Gemälde „Enthauptung des Johannes des Täufers“ (KML Inv.-Nr. F 94.5x) von Franz Ludwig Raufft (1660–1719 Kassel, oder 1728 Den Haag).

Reinhard malte zu diesem Bild, das sich nachweislich im Rathaus befand, „Die bildenden Künste“ als ein Gegenstück mit den fast gleichen Massen und einem ähnlichen Bildaufbau. Raufft gestaltete die Enthauptungsszene so, dass die beiden seitlichen Figuren des Schlächters und der Herodias mit dem dazwischen liegenden Körper des Johannes ein auf spitzem Winkel stehendes Dreieck bilden. Über diesem ragt der in die Höhe gehaltene, abgeschlagene Kopf des Täufers. Reinhard kehrt in seinem Bild diese Disposition um. Die „Architektur“ auf der linken und die „Bildhauerei“ auf der rechten Seite bilden mit der in der Mitte stehenden „Malerei“ ein gleichschenkliges Dreieck wie in Rauffts Bild, wobei diesmal der spitze Winkel zum oberen Rand des Gemäldes verläuft. Als Pendant zum abgeschlagenen Haupt in Rauffts Enthauptungsszene malt Reinhard in seiner Allegorie ebenfalls einen isolierten Kopf. Es ist das in Stein gehauene Skulpturfragment an der Basis des Bildes. In beiden Gemälden bringt eine vierte Figur Dynamik in den Bildaufbau. Die Zierrahmen beider Werke haben dasselbe Profil, wobei derjenige des früher gemalten auch älter ist und als Vorlage für das Gegenstück diente.

Reinhard malte mit den „Bildenden Künsten“ nicht nur ein Dankesbild sondern auch ein Beweisstück seines Könnens. Er brachte aus Rom, das er mit Ruinen im Hintergrund andeutete, die Verbildlichung dessen zurück, was er mit der Unterstützung des Rates lernen durfte: die artes liberales und natürlich insbesondere die alles überragende Malerei. Der Dankestext ist auf dem Bild in den am rechten unteren Bildrand gelegenen Stein gehauen: „Testimonium artis liberalitate Ex.mi Senatus / apprehensa et debita gratitudinis dare s[t]uduit: / ańo Domini MDCCLXXV Jos: Reinnert.“ (Jos. Reinnert bemühte sich im Jahr des Herrn 1775 ein Zeugnis seiner Kunst zu geben und seine Dankesschuld abzustatten, nachdem er in den Genuss der Grosszügigkeit des vortrefflichen Rats gekommen war). Der Rat der Stadt Luzern machte das Gemälde im Rathaus öffentlich zugänglich und präsentierte es als Zeugnis seiner obrigkeitlichen Kunstförderung.

Christoph Lichtin