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Ciel gris, ciel noir
  • Félix Vallotton
  • Ciel gris, ciel noir, 1911

  • Öl auf Leinwand
  • 61 x 74 cm
  • signiert und datiert unten links: "F. VALLOTTON . 11"
  • Kunstmuseum Luzern, Depositum der BEST Art Collection Luzern
  • Inv.-Nr. M 96.1x
  • © Kunstmuseum Luzern
  • Jahr von: 1,911
  • Jahr bis: 1,911
Description
Provenance
Exhibition History
Bibliography
Other

Den Sommer verbrachte das Ehepaar Vallotton meist im Château de la Naz oberhalb von Lausanne oder in seinem Haus in Honfleur. In diesem kleinen Fischerdorf in der Normandie entstand auch Vallottons Roman „La vie meurtrière“, der aber erst posthum erschien. Der ironisch-sarkastische Roman schildert in der Ich-Form das Leben Jacques Verdiers. Zum Selbstmord entschlossen berichtet Verdier verzweifelt von seinem Fluch, jeden seiner Bekannten ins Verderben gestürzt zu haben. In einem zweiten, 1920 geschriebenen und erst 1970 posthum publizierten Roman mit dem Titel „Corbehaut“ lässt Vallotton ähnlich wie in seinem malerischen Werk die bürgerliche Fassade einer Kleinstadtidylle brüchig werden und das Grauen und die Doppelmoral des Bürgertums durchscheinen. Damit schafft er einen interessanten Beitrag zur phantastischen Literatur und findet zu einem verfremdend-dekorativen Stil, der Personen und Landschaften bisweilen ins Unheimlich-Unwirkliche überträgt. So spielen sich etwa in eleganten Interieurs sarkastisch geschilderte Ehedramen ab.

In Honfleuer ist neben vielen anderen Werken auch das Gemälde „Ciel gris, ciel noir“ (Abb. S. 078) entstanden. Extreme Licht- und Wetterphänomene haben Vallotton immer fasziniert. Landschaften im Gegenlicht, Sonnenuntergänge, Wolkenbilder, aber auch ganz unspektakuläre trübe Wetterlagen mit dumpfem grauem Himmel sind charakteristische Bildmotive. Der Wind wird im Gemälde von 1910 von Vallotton eindrücklich umgesetzt, die Bäume werden vom Sturm gebeutelt. Die Darstellung der extremen Wettersituation setzt Vallotton mit einer minimalen Farbpalette von Hell- bis Dunkelgrau, jedoch mit einem heftigen Farbauftrag um. Es ist eines der seltenen Bilder im Œuvre des Künstlers, in welchem die Farbe Grau eine derart dominante Rolle spielt. Es transportiert eine emotionale Stimmung, die durchaus mit Vallottons Gemütslage in Verbindung gebracht werden kann. Sein Charakter war von depressiven Stimmungen geprägt. Sein Tagebuch ist voller Notizen, in denen er seine momentane Gemütsverfassung beschreibt und oft drückt er diese mit einem Vergleich mit der aktuellen Wetterlage aus. So schreibt er etwa am 30. August 1915: „La pluie, enfin! Tout devient grave et le paysage se met à l’unisson des pensées grises et monotones” In „Ciel gris, ciel noir“ wird der Landschaftsraum zum Stimmungsraum.

Der Begriff der „paysage composé“ spielt im Spätwerk Vallottons eine wichtige Rolle. Der Künstler verstand darunter Landschaften, die zwar auf Beobachtungen in der Natur beruhen, aber nicht die sichtbare Wirklichkeit wiedergeben sollen. Er verwendete dazu häufig in der Natur entstandene Skizzen, mit Hilfe derer er das Bild später im Atelier ausführte. Die Skizze selbst zeichnet sich dabei bereits durch eine Abstraktion der wesentlichen Teile aus, und diente dazu, aus der tatsächlich geschauten Landschaft eine idealtypische Wirklichkeit entstehen zu lassen. Vallotton benützte die Wirklichkeit als Baumaterial, aus dem er seine eigene Bildwirklichkeit erschuf. Ein grosser Anteil der Bildelemente ist deshalb aus verschiedenen Motiven zusammengesetzt oder stark interpretiert. In seinem Tagebuch begründete er das Ziel dieser synthetischen Malerei folgendermassen: „Je rêve d’une peinture dégagée de tout respect littéral de la nature, je voudrais reconstituer des paysages sur le seul secours de l’émotion qu’ils m’ont causée, quelques grandes lignes évocatrices, un ou deux détails, choisis, sans superstition d’exactitude d’heure ou d’éclairage.“

Christoph Lichtin