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Spielendes Mädchen am Ofen
  • Albert Anker
  • Spielendes Mädchen am Ofen, 1879

  • Öl auf Leinwand
  • 42.4 x 55.6 cm
  • signiert und datiert Mitte links: "Anker 1879"
  • Kunstmuseum Luzern, Leihgabe aus Privatbesitz
  • Inv.-Nr. L 93.23x
  • © Kunstmuseum Luzern
  • Jahr von: 1'879
  • Jahr bis: 1'879
Werkbeschrieb
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Literatur
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Kinderbildnisse bilden das Kernstück von Albert Ankers Kunst. Kinder sind ihm nicht nur die liebste Gesellschaft, sondern neben älteren Leuten auch die willkommensten Modelle. Berufstätige Menschen hingegen sind in seinem Werk höchst selten anzutreffen, da der Künstler, wie er selbst anmerkt, die hart arbeitenden Bauern nicht für die notwendigen Modellstudien stören will. Anders als seinen französischen Zeitgenossen Jean-François Millet oder Gustave Courbet, die die auf dem Feld arbeitenden Bauern hinsichtlich sozialkritischer Manifeste zu Rollenträgern machen, liegt Anker nicht daran, den Menschen lediglich von seinem sozialen Status her zu begreifen. Sein Interesse zielt vielmehr darauf, den Dorfbewohner als Individuum mit seinen spezifischen Eigenheiten zu erfassen. In Kindern und Greisen, die sich beide jenseits der alltäglichen Erwerbstätigkeit und somit einer weitgehenden Fremdbestimmung befinden, sieht er das eigentlich menschliche Wesen am reinsten verkörpert. Insbesondere im Spiel vermag Anker, das Fühlen und Denken der Kinder sichtbar zu machen.

Das querrechteckige Gemälde zeigt ein spielendes, vielleicht achtjähriges Mädchen hinter einem schräg in den Bildraum hereinragenden Kachelofen. Es trägt einfache, ländliche Kleidung. Die blonden Haare sind grösstenteils unter einer dunklen, wollenen Kappe verborgen. Mit einer meisterlich festgehaltenen Mischung von Schüchternheit, Ernst und einer Prise Melancholie schaut das Mädchen in Richtung Betrachter, ohne allerdings tatsächlich Blickkontakt mit diesem aufzunehmen. Vielmehr scheint der Blick aus den grossen, blauen Augen in die Ferne zu gehen. Gedankenverloren hält das Kind einen kleinen Unterteller und ein Sieb in den Händen. Die Armhaltung wirkt kraftlos und das Gesicht mit den leicht geröteten und fiebrig glänzenden Augen ist ungewöhnlich bleich. Vermutlich handelt es sich um eine von Ankers Darstellungen kranker oder rekonvaleszenter Kinder. Der wärmende Ofen, auf dessen Oberfläche das übrige Kindergeschirr sowie ein Zitronenschnitz und einige Krümel liegen, ist in seiner Materialität, Farbe und Musterung unmittelbar sinnlich wiedergegeben und zeugt von Ankers grossem malerischem Können. Der vom rechten Bildrand angeschnittene, geflochtene Korb und der Puppenservice sind stilllebenhaft arrangiert, was oft in Ankers Genremalerei anzutreffen ist.

Der Hintergrund ist nicht neutral gehalten, sondern als einfache Bretterwand ausgestaltet. Zusammen mit dem blau bemalten Ofen erschliesst sie den Bildraum in seiner Tiefe und charakterisiert gleichzeitig das soziale Umfeld der Dargestellten. In das Arvenholz sind zwei simple Kinderzeichnungen geritzt und an einem Hacken hängt – ähnlich einem Trompe-l’Oeil – eine Kohleschaufel. Ein humorvolles Detail ist ausserdem der ins Holz eingekratzte Name des Künstlers, wodurch gleichzeitig das Gemälde signiert wie auch der vermeintliche Urheber der Kinderzeichnung kundgetan wird.

Das Kolorit bewegt sich nicht gänzlich im erdig-braunen Bereich, wie sonst bei Ankers ländlichen Motiven üblich. Ein relativ heller Grundton geht vom blau-weissen, ziemlich prominent ins Bild gerückten Ofen aus und findet seine Entsprechung im Kindergeschirr und im Inkarnat des Mädchens. Die obere und untere Bildhälfte erscheinen dadurch farblich ausgewogen. Kalte und warme Farben tauchen nebeneinander auf, beide allerdings in eher verhaltenen Tonstärken. Deutliche Farbakzente bilden die grüne Oberfläche und Seitenwand des Ofens sowie der kleine, rote Krug zur Rechten des Mädchens.

Ein lebhaftes Interesse für Erziehungsgrundsätze – der Künstler hat die Schriften Pestalozzis gekannt und ist in der Schulpflege tätig gewesen – geht bei Anker mit einer genauen psychologischen Beobachtungsgabe Hand in Hand. Dies verhindert weitestgehend ein Abgleiten ins Süsslich-Sentimentale, eine Gefahr, die längst nicht alle Zeitgenossen Ankers – man denke beispielsweise an die fast schon lasziv dreinblickenden jungen Mädchen bei Adolph-William Bouguereau – so gekonnt umgehen.

Regine Fluor-Bürgi