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Mariae Heimsuchung
  • Unbekannter Meister des 16. Jh.
  • Mariae Heimsuchung, nach 1504

  • Öl und Gold auf Holz
  • 61.3 x 66.2 cm
  • nicht bezeichnet
  • Kunstmuseum Luzern, Depositum der Stadt Luzern
  • Inv.-Nr. G 769x
  • © Kunstmuseum Luzern
  • Jahr von: 1,504
  • Jahr bis: 1,520
Description
Provenance
Exhibition History
Bibliography
Other

Das Gemälde zeigt die innige Begegnung zwischen Maria und Elisabeth – den künftigen Müttern des christlichen Gottessohnes und Johannes des Täufers – wie sie im Lukas-Evangelium (Lk 1, 39-45) geschildert wird. Fassungslos über die Ankündigung der jungfräulichen Geburt erkennt Maria in ihrer Cousine Elisabeth eine Schicksalsgefährtin, da diese, wie der Engel Gabriel Maria versichert, trotz ihres fortgeschrittenen Alters ein Kind zur Welt bringen wird. Daraufhin eilt Maria zu ihrer Schwester, die in einer Stadt in Judäa im Haus ihres Ehemanns Zacharias wohnt. Elisabeth ihrerseits erfährt in der Empfängnis ihres Sohnes und in Marias Besuch doppelte Gnade. Als betagte und unfruchtbar geltende Frau ist die lang erhoffte Schwangerschaft gemäss der biblischen Überlieferung auf die Barmherzigkeit Gottes zurück zu führen. Der biblische Text erzählt zudem, wie das Kind im Bauch Elisabeths beim Gruss Marias vor Freude hüpft und wie Elisabeth vom heiligen Geist erfüllt wird. In tiefer Dankbarkeit lobpreist Elisabeth daraufhin die Gottesmutter und deren Leibesfrucht, sowie den standhaften Glauben an die göttliche Ankündigung. Das Treffen bestätigt also, dass der christliche Glauben wahr und richtig ist, vermittelt die körperliche Erkenntnis der Menschwerdung Christi und initiiert eine Reihe von Interaktionen zwischen Christus und Johannes dem Täufer. Die Bedeutsamkeit dieses Ereignisses offenbart sich im Gemälde durch den intimen Blick Mariens und in ihrem sorgsamen Umarmungsgestus.

Die beiden Figuren sind in der Bildmitte in einer idyllischen Landschaft angeordnet. Elisabeth, in dreiviertel Rückenansicht, wird von Maria in die Arme geschlossen. Da die Frauen hochschwanger sind, berühren sich die gewölbten Bäuche. Ihre Häupter sind von goldenen Scheiben-Nimben umrahmt, ihre Leiber in schlichte Kleider mit ruhig fliessenden Gewandfalten gehüllt. Das aufwändigste Kleidungsstück trägt Elisabeth. Es zeichnet sich durch seine goldene Farbe und das darauf applizierte rote Muster aus. Maria trägt über einem blaugrünen Kleid eine Paenula, deren weisse Farbe üblicherweise mit der Jungfräulichkeit der Trägerin in Verbindung gesetzt wird. Mit grosser Wahrscheinlichkeit war Albrecht Dürers Holzschnittfolge des Marienlebens, die eine Darstellung der „Heimsuchung“ aus dem Jahr 1504 enthält, Vorlage der beiden Figuren. Unser unbekannter Meister hat nur die beiden Hauptfiguren übernommen und den Landschaftsaspekt um ein Vielfaches potenziert. Der sonst übliche erzählerische Kontext findet – wenn überhaupt – äusserst sparsam Einsatz: Das Gebirge, wie es im Bibeltext angesprochen wird, ist in den Hintergrund gedrängt, die Stadt in Judäa und das Tor des Hauses Zachariens können höchstens sinnbildlich im fragmentarisch ornamentalen Bogenfries verortet werden. In dieser Reduzierung erhält die eigentliche Bildintention eine neue Gewichtung: sie konzentriert sich gänzlich auf den Moment der Begegnung und hat dadurch stark kontemplativen Charakter.

Der Urheber des Werkes ist gänzlich unbekannt, auch konnten ihm bis anhin keine weiteren Arbeiten zugeschrieben werden. Das Gemälde befand sich zuletzt im barocken Ursulinenkloster Maria Hilf in Luzern an der Musegg. Da die „Heimsuchung Mariens“ als Einzelmotiv selten vorkommt, handelt sich möglicherweise um einen Teil eines gotischen Flügelaltars, der in seinem Gesamtprogramm wohl das Leben Marias darstellte. Wie man sich die Eingliederung des vorliegenden Werkes in ein Bildprogramm vorstellen muss und inwieweit die Fragmentierung den Bildkontext geschädigt hat, ist im Nachhinein schwierig nachzuvollziehen. Während die ersten erhaltenen Darstellungen (6. Jh.) als Pendant zur Verkündigung Mariens auftauchen oder innerhalb eines Zyklus neutestamentarischer Darstellungen eingebettet sind, wird die „Heimsuchung“ im Spätmittelalter zu einem entscheidenden Ereignis im Marienleben und zu den in der Legenda Aurea und durch Caesarius von Heisterbach belegten „Sieben Freuden Mariens“ gezählt. Dieser Themenzyklus tritt allerdings nur selten auf und es ist demnach anzunehmen, dass die Luzerner „Heimsuchung“ eher in einen herkömmlichen Marienzyklus integriert war. Aufgrund seines beinahe quadratischen Formates mag das Werk den Altarflügel mit einer anderen Darstellung geteilt haben.

Denise Frey