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Moderner Bund, zweite Ausstellung, Kunsthaus Zürich 1912
  • Der Moderne Bund
  • Moderner Bund, zweite Ausstellung, Kunsthaus Zürich 1912, 1912

  • Offsetdruck auf Papier; 2 Holzschnitte auf Papier, eingeklebt
  • 33.3 x 25.3 cm
  • nummeriert auf Seite 3: "No 60"
  • Kunstmuseum Luzern, Depositum der BEST Art Collection Luzern
  • Inv.-Nr. M 96.9z
  • © Kunstmuseum Luzern
  • Jahr von: 1,912
  • Jahr bis: 1,912
Description
Provenance
Exhibition History
Bibliography
Other

Zwei vom Modernen Bund herausgegebene Publikationen erscheinen während des relativ kurzen Bestehens der avantgardistischen Künstlergruppe. Sie sind nicht nur künstlerisch wertvoll, indem sie einen Einblick in den gemeinsamen Auftritt als Gruppe geben, sondern vor allem auch von grosser kunsthistorischer Bedeutung: Es handelt sich beim 1912 erschienenen Heft wahrscheinlich um die erstmalige Publikation abstrakter Kunst in der Schweiz.

Das erste Heft wird anlässlich der zweiten Ausstellung des Modernen Bundes 1912 im Kunsthaus Zürich herausgegeben. Die Auflage beträgt 200, wovon 50 als nummerierte Vorzugsausgaben für die Passivmitglieder gedacht sind. Analog zum Organisationsmodell der "Brücke" soll nämlich die wohlgesonnene Kunstklientel als Passivmitglieder in den Verein aufgenommen werden. Diese erhalten als Gegenleistung für einen jährlichen Beitrag von CHF 20.- eine "Originalzeichnung eines Mitgliedes des 'Modernen Bundes'". Die Vorzugsausgabe des Heftes beinhaltet ausserdem einen farbigen Holzschnitt und zwei handkolorierte und signierte Reproduktionen, das einfache Heft, das für CHF 5.- zu kaufen ist, enthält neben zwölf Reproduktionen von Wassily Kandinsky, Robert Delaunay, Richard Goldensohn, Le Fauconnier, Paul Klee, Franz Marc sowie den Gruppenmitgliedern immerhin noch einige Originalholzschnitte. Für eine gewisse Selbstsicherheit der Gruppe spricht die Ankündigung, die Liste mit den Passivmitgliedern im nächstjährigen Heft zu veröffentlichen (was auch eingehalten wird).

Wohl nicht ganz zufällig stammen sämtliche der Originalholzschnitte von den drei Gründungsmitgliedern des Modernen Bundes: Walter Helbig, Oscar Lüthy und Hans Arp. Der kleine Einbandholzschnitt von Helbig, ein Frauenakt, erinnert in seinem dynamischen Gestus stark an die Brückekünstler (vgl. auch KML 2005.66z). Auch der zweite, ganzseitige Holzschnitt mit zwei weiblichen Akten und einem Pferd vor einer Waldlandschaft illustriert seine Verbindung zur Brücke, der Helbig bereits vor der Gründung des Modernen Bundes nahe steht. In der Verbindung von Mensch, Tier und Landschaft spiegelt sich die Sehnsucht nach einer naturhaften Existenz des Menschen in der Landschaft, wie sie auch aus den diversen Werken der Brückemaler rund um das Thema der "Badenden" spricht.

Zwei abstrakte Holzschnitte von Oscar Lüthy in kubistischer Formensprache folgen. Der zweite stellt – ebenfalls nach dem Vorbild der Brücke – durch eine im Holzschnitt angebrachte Inschrift den Bezug zur zweiten Ausstellung des Modernen Bundes her.

Die übernächste Seite ziert ein kleines Köpfchen von Hans Arp, das gelegentlich auch als Selbstbildnis bezeichnet wird. Ein neckischer, heiterer Ausdruck herrscht auf dem runden, aus dem Dunkeln hervor gearbeiteten Gesicht. Die nahe Platzierung am Bildrand sowie die einfache Gestaltungsweise vermittelt Spontaneität. Der aus Augenwinkeln nach rechts schielende Arp (vorausgesetzt, es handelt sich um ein Selbstbildnis) scheint den Leser zum Umblättern und Betrachten der auf den nächsten Seiten folgenden Reproduktionen einzuladen. Die zahlreichen Initialen und Vignetten Arps, die sich im Heft finden lassen, sind alle in Form von kleinen Köpfchen gestaltet und dokumentieren die Neigung des Künstlers zu ornamentalen Kompositionen mit humoristischen Akzenten. Sie sind ebenfalls nicht ohne kunsthistorische Bedeutung, da Arp später fast alle seine Werke aus vor-dadaistischer Zeit zerstört hat.

Regine Fluor-Bürgi