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Krokodil
  • Michael Buthe
  • Krokodil, 1973

  • Holz, Eisen, Nägel, Tücher
  • 70 x 50 x 450 cm
  • nicht bezeichnet
  • Kunstmuseum Luzern
  • Inv.-Nr. 691w
  • © 2011, ProLitteris, Zurich
  • Jahr von: 1,973
  • Jahr bis: 1,973
Description
Provenance
Exhibition History
Bibliography

Michael Buthes über vier Meter lange Arbeit mit dem bezeichnenden Titel „Krokodil“ ist aus dem nahezu unbearbeiteten Holz eines Baumstammes, einem Ast sowie mehreren grob geschnittenen Holzlatten geschaffen und erinnert in ihrer Form tatsächlich an das echsenartige Raubtier. Die – um bei genannter Assoziation zu bleiben – auf dem Rücken des Tieres eingeschlagenen Nägel unterlaufen jedoch die ersten Wahrnehmungen und verweisen auf den kulturellen Kontext der künstlerischen Arbeit und deren ursprüngliche Einbettung im Environment „Le Dieux de Babylon“. Die raumfüllende, als fantastisches Gesamtkunstwerk angelegte Inszenierung präsentiert der Künstler 1973 im Kölnischen Kunstverein und im Frühjahr des folgenden Jahres im Kunstmuseum Luzern. Zusammen mit einigen anderen Objekten – so beispielweise ein durch blaues Glanzpapier zum Altar mutierten Nachtschränkchen – stellt das in Luzern unter einem mit Zimmerpflanzen dekorierten Hausgerüst präsentierte „Krokodil“ ein Relikt des nur auf Fotografien und in Erzählungen dokumentierten Environments dar.

Palmwedel, farbige Tücher, glitzernde Pailletten, goldglänzende Papierarbeiten und geheimnisvolle Objekte schaffen das Universum „Le Dieux de Babylon“, das der Künstler rückblickend 1977 als „Rekonstruktion eines Benin-Tempels“ bezeichnet. Fasziniert von seiner Reise nach Benin und Nigeria im Sommer 1973 schreibt Buthe schon vor der Eröffnung der Ausstellung in Köln an den Berner Galeristen Toni Gerber: „Das Götterschiff, die Dämonen, Engel, Tut Ench Amon + die Königin von Saba werden am Sommerbeginn sich hier das Rende[z]vous geben.“ Während das in Köln und Luzern konzipierte Environment – ähnlich den Inszenierungen „Hommage an die Sonne“ (1971/72) oder „Musée du Echnaton“ (1976) – als orientalisierendes, mitunter auch klischiertes Gesamtkunstwerk fungiert und mehr eine freie Paraphrase denn eine ethnografische Rekonstruktion einer realen afrikanischen Lebenswelt darstellt, schafft das nagelbeschlagene „Krokodil“ scheinbar einen tatsächlichen Bezug zu kultisch-religiösen Ritualen Westafrikas. So erinnert das Baumstammobjekt an die meist grossen, mit Nägeln bespickten Skulpturen, deren kultisch-rituelle Funktion in der Abwehr von Dämonen und Krankheiten besteht. Diese offensichtliche visuelle Anlehnung an das naturreligiöse Objekt der Nagelskulptur wird durch den von Buthe bewusst intendierten Aspekt des Geheimnisvollen, des Mystischen potenziert. So vermag das „Krokodil“ trotz der eindeutigen Transformation in einen europäischen Kunstkontext durch eine fast magische Wirkung zu bestechen.
Michael Buthe reist seit den frühen 1970er Jahren regelmässig nach Marokko, er erkundet den Maghreb und ist fasziniert von Westafrika. Seine Beschäftigung mit diesen Kulturen und deren kulturellen und religiösen Besonderheiten prägt sein Œuvre wesentlich. In Kombination mit der Bildwelt Buthes entsteht so ein fantastisch-fantasievoller Kosmos, in dem aus gefundenen Alltagsgegenständen magische, ja kultische Objekte werden. Aus Holz, aus Metall- oder Stoffresten, aus Federn, Hörnern, Schnüren, Pflanzen, Fahrrad-, Auto- oder Möbelteilen, aus Wachs, Rosenblättern und Goldstaub schafft Buthe opulente Bilder- und Objektcollagen; die disparaten Fundstücke des täglichen Lebens, die Alltagsgegenstände aus Marrakesch, Köln oder Tunis werden zu fast mystischen Objekten. Das „Krokodil“ als Requisit eines fantastischen Gesamtkunstwerks evoziert unbekannte Kulte: es sei – so der Künstler – von ihm gebändigt worden. Und doch bleibt die visuelle Irritation, die Unsicherheit, das Bewusstsein über die gezielte Inszenierung, über die gewollte Evozierung einer geheimnisvollen Wirkungskraft. In der offensichtlichen Inszenierung einer magisch-auratischen Aufladung sowohl seiner raumfüllenden Environments als auch der einzelnen Arbeiten klingt die immer wieder geäusserte Feststellung über die verlorene Aura der Kunstwerke an. Eine Feststellung, der Buthe in einer Reaktivierung der Aura – vielleicht auch augenzwinkernd – zu widersprechen scheint.

Gioia Dal Molin