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Insignien (Krone, Reichsapfel und Szepter)
  • Jean-Frédéric Schnyder
  • Insignien (Krone, Reichsapfel und Szepter), 1972/1973

  • Messingblech (Büchsendeckel), Holz, Draht und Stoff
  • 122 x 145 x 75 cm
  • Kunstmuseum Luzern
  • Inv.-Nr. 85.34w
  • © Jean-Frédéric Schnyder
  • Jahr von: 1,972
  • Jahr bis: 1,973
Description
Provenance
Exhibition History
Bibliography

Mit der Meisterschaft eines leidenschaftlichen Bastlers und einer scheinbar kindlichen Naivität überträgt Jean-Frédéric Schnyder Formen mittelalterlicher Reichsinsignien in die Materialien Messingblech, Holz und oxidierten Eisendraht: eine Krone aus vernieteten Konservendosendeckeln, ein geschnitzter Stock mit holzperlenartiger Spitze als Zepter und ein verschlungenes Drahtknäuel mit aufgesetztem Drahtkreuz als Reichsapfel.
Die Materialien sind – wie es sich für Insignien als Zeichen der Macht gehört – mit beträchtlichem handwerklichem Aufwand kunstfertig bearbeitet. Im Unterschied zu einer edelsteinbesetzten Goldblechkrone erscheint der aus Büchsendeckeln zusammengefügte, helmartige Aufsatz aber eher armselig. Die geometrisierenden Formen der Zepterspitze erinnern an Bauklötzchen oder das Zubehör eines Brettspiels, während die rostig dornige Oberflächenstruktur des Reichsapfels Schmerz verheisst und sinnlich abstossend wirkt. Indem Schnyder zweckentfremdete Alltagsgegenstände und scheinbar gefundene Industrie-Abfälle zusammen mit seiner Schnitzerei als pseudohistorische Artefakte ausstellt, kreuzt er die künstlerischen Konzepte des Ready-Made und des Objet trouvé mit der kunsthandwerklichen Arbeit. Diese vielschichtige Kombination stellt Kunstbegriffe von Hoch- und Trivialkultur gegeneinander und zeigt dabei ebenso die Verklärung des Gewöhnlichen wie umgekehrt die Profanierung des Verklärten. Diese Spannung macht den inhaltlich widerständigen Charakter von Jean-Frédéric Schnyders „Insignien“ aus.

Insignien sind im wörtlichen Sinne Zeichen. Anhand von symbolhaften Objekten zeigt Schnyder, wie sich Bedeutung durch veränderte Formen und Materialien nuancieren lässt. Das natürliche, in der Kunst traditionsreich verarbeitete Holz sowie industrielle Halbfabrikate mit ihrer Produktions- und Nutzungsgeschichte jenseits des Kunstwerks dienen ihm als künstlerische Rohstoffe. Indem Schnyder sie weder materialgerecht noch der ikonologischen Materialhierarchie entsprechend zu „Insignien“ verarbeitet, stellt er einmal mehr die Übereinstimmung von Form und Inhalt auf die Probe. Hier zeigt sich seine „Freude an den Implikationen des Falschen“, auf die Patrick Frey die „Schnydersche Kunst“ 1990 so treffend zurückgeführt hat. In ihrer Schlichtheit erscheinen die Objekte archaisch. Es könnte sich um archäologische Fundstücke, um die Spuren einer vergangenen Kultur handeln. Die Wiederverwertung von Altmetallen mag aus heutiger Sicht auch als eine vom aufkommenden Umweltbewusstsein geprägte Recycling-Ästhetik verstanden werden. Oder markieren Schnyders „Insignien“ sogar den Kunstanspruch seiner Bricolagen? Schnyder führt interpretierende Betrachter gern auf den Holzweg. Er präsentiert das scheinbar Verrtraute stets so, dass es erkennbar bleibt, zugleich aber verunsichert und Fragen aufwirft. Wie die Frage, ob seine Arbeiten aus ironischer, sarkastischer oder einfach nur schonungslos ehrlicher Beobachtung resultieren. In Bezug auf das 1976 erstmals im Kunstmuseum Luzern gezeigte und 1985 schliesslich erworbene Werk sind Schnyders Zeilen an Jean-Christophe Ammann aufschlussreich: „Erlaube uns [Margret und Jean-Frédéric Schnyder] den Entwurf einer würdigen Ruhestätte zuzustellen.“ Im Brief bezeichnet er die Krone als eine aus „Mondsteinen“ gefertigte. Ausserdem legt er eine Anleitungs-Skizze zur Installation der Objekte bei. Sie sollen in einer durchsichtigen Plexiglas-Pyramide auf einem rot verhüllten Sockel ausgestellt werden. Dabei präzisiert Schnyder die Angaben zum roten Stoff: „nicht purpur, nicht Bordeaux, nicht satin […] wie ein rotes Tischtuch“.

Jean-Frédéric Schnyders „Insignien“ entstehen im Jahr seiner Teilnahme an der fünften Kasseler „documenta“ (1972). In der Abteilung „Individuelle Mythologien II“ stellt er damals neben einer Reihe konzeptueller Farbfotografien die Arbeit „Schnitzerei 3“ aus. Es handelt sich dabei um ein langes, einem Wirbelsäulenmodell vergleichbares Holzobjekt mit knorpelartigen Fortsätzen. Sowohl „Schnitzerei 3“ von 1971 als auch „Insignien“ von 1972-73 evozieren Bilder von Museumsstücken, von anthropologischen, historischen oder volkskundlichen Studienobjekten, von Reliquien oder Relikten. Wer Schnyder also wörtlich nehmen will, mag bei seiner Faszination für die Lesbarkeit des Zeichens und dessen manipulierbarer Deutung ein ehrliches Interesse am kultisch verehrten Sammlungsgegenstand oder dem mystifizierten Artefakt beobachten.

Seit 1985 befinden sich die „Insignien“ in einer betont schlichten, exakt gearbeiteten Vitrine. Die Auflagefläche des vierbeinigen Holztischs ist mit dunkelblauem Stoff verkleidet, darüber stülpt sich ein umlaufend durchsichtiger, leicht gewölbter Plexiglasschutz. Im Vergleich ist die inszenierende Theatralik des Entwurfs von 1976 in der späteren Umsetzung nüchterner Klarheit gewichen: Mit der symbolisch überfrachteten Gestalt einer pyramidalen Vitrine trieb Schnyder den Objekt-Fetisch förmlich auf die Spitze, wo sich die Verklärung der Artefakte in einem klassisch gehaltenen Schaukasten doch viel subtiler offenlegen lässt. Denn der schliesslich realisierte Entwurf zitiert und musealisiert die genuin museale Präsentationsform. Damit gelingt es Jean-Frédéric Schnyder abermals, nicht nur ein Bild des Gegenstands an sich, sondern gleichzeitig auch dessen stilistisch treffendste Präsentation abzubilden.

Gabrielle Schaad