deutschenglisch
Selbstbildnis mit Panamahut
  • Lovis Corinth
  • Selbstbildnis mit Panamahut, 1912

  • Öl auf Leinwand
  • 66.3 x 52.2 cm
  • signiert und datiert Mitte links: "Lovis Corinth/ipse me/pinxi/Aug 1912/Bernried"
  • Kunstmuseum Luzern
  • Inv.-Nr. 470x
  • © Kunstmuseum Luzern
  • Jahr von: 1'912
  • Jahr bis: 1'912
Werkbeschrieb
Provenienz
Ausstellungsgeschichte
Literatur
Weiteres

Unter den Arbeiten Lovis Corinths nehmen die Bildnisse, insbesondere die Selbstbildnisse, einen wichtigen Platz ein. Zeit seines Lebens schafft der Maler Abbildungen von Menschen aus seinem Umfeld und zumeist anlässlich seines Geburtstages im Juli fertigt er jeweils ein Bildnis seiner selbst an. Auch die Kritik kommt gemeinhin übereinstimmend zum Urteil, Corinth habe als Porträtist seine höchsten künstlerischen Leistungen vollbracht.

Das im Sommer nach Corinths Schlaganfall entstandene Gemälde "Selbstbildnis mit Panamahut" zeigt einen mit weissem Hemd und ultramarin- bis nachtblauem, doppelreihig geknöpftem Jackett bekleideten Herrn mittleren Alters. Der Porträtierte schaut etwas schüchtern und verhalten, aber dennoch interessiert auf den Betrachter. Er posiert in Dreiviertelansicht vor einem bläulichen Hintergrund, der allerdings kaum Raumtiefe suggeriert. Bei diesem Bildhintergrund handelt es sich links um eine blassgrünblaue Fläche, auf der sich ein schriftlicher Vermerk des Künstlers eingeritzt findet: "Lovis Corinth/ipse me/pinxi/Aug 1912/Bernried"; rechts dagegen ist eine zweifarbig in blauweissem Rapportmuster bemalte oder tapezierte Wand zu sehen. Der Anschein der Raumlosigkeit wird überdies verstärkt dadurch, dass mit dem Hervortreten der beigefarbenen Leinwandgrundierung im Bereich des rechtsseitigen, blauweiss gemusterten Hintergrundes der scheinbare Raum "auszufransen" droht. Bemerkenswert bezüglich der Räumlichkeit ist aber auch, wie stark sich Corinth als Bildfigur selber in den Vordergrund rückt. Sowohl der aufgesetzte helle Hut – oberhalb des dunkel gestreiften Hutbandes – als auch die Schulter und die rechte Armpartie sind durch den Bildrand angeschnitten, was den Eindruck einer unmittelbaren Nähe des Dargestellten zum Betrachter entstehen lässt.

Das Porträtgemälde basiert auf einem schlichten, farblich komplementär aufgebauten Arrangement von Blassgelb-Nachtblau und Chamois-Grün, das Hut und Inkarnat der Kleidung und dem Hintergrund gegenüberstellt. Corinth versucht offensichtlich, die Malerei als solche zu thematisieren, indem er Pinselstrich neben Pinselstrich setzt und sich nicht um einen malerischen Realismus bemüht, der die Künstlichkeit des Bildes zu verschleiern versucht. Das vorliegende Gemälde zeichnet sich gerade aus durch den "Widerspruch" zwischen Repräsentation einer plastischen Figur einerseits und Präsentation des künstlerischen Materials, der Farbe, andererseits. Hierin womöglich von der Malerei Vincent van Goghs beeinflusst, erzielt Corinth diese Wirkung über den pastosen Farbauftrag und den spezifischen Pinselduktus, der das Bildfeld in ornamentaler Flächigkeit strukturiert. Das mit kurzen Pinselstrichen mehr plastisch modellierte Gesicht jedoch hebt sich vom Rest des Gemäldes ab, was den starken Ausdruck der Figur unterstreicht.

Mit seinem Verweis auf die sommerliche Jahreszeit – der Panamahut als Urlaubs- oder Freizeitaccessoire – sowie den leuchtenden satten Farben von Kleidung und rechtem Hintergrund wirkt dieses Bild eindeutig freundlicher und optimistischer als andere, einige Wochen und Monate früher gemalte Selbstbildnisse. Vorliegendes Werk entsteht, wie die Signatur besagt, an Corinths bevorzugtem Feriendomizil am Starnberger See, wo er sich während des Sommers 1912 zur Erholung vom erlittenen Schlaganfall aufhält.

Wie auch ein Vergleich mit weiteren Selbstbildnissen sowie mit Fotografien zeigt, ist das Selbstporträt bei Corinth nicht einfach ein gemaltes Spiegelbild, das sein repräsentatives Äusseres treffend wiedergibt. Ebenso wenig handelt es sich beim vorliegenden Gemälde um ein eigentliches "Künstlerporträt", wie viele andere Selbstbildnisse Corinths, insofern sich der Maler hier als Privatperson ohne Künstlerinsignien wie Pinsel, Palette oder Staffelei darstellt. Nicht nur Farbauftrag, Bildausschnitt und Komposition, sondern auch Motiv – der genesende sich selbst beobachtende Mensch – nehmen mithin Bezug auf Vincent van Goghs berühmtes "Selbstbildnis mit verbundenem Ohr", das Corinth womöglich bekannt ist.

Die Deutung des "Selbstbildnis mit Panamahut" als Inszenierung des Künstlers als Leidender oder "Märtyrer der Moderne" (Matthias Mühling, in: Ausst.-Kat. Hamburg, 2004) liegt folglich nahe. Die "Gestimmtheit" der dargestellten Figur ist also wie in den übrigen Porträts nicht nur augenblicklicher Gesundheits- und Gemütszustand, der als momentane Haltung unter bestimmtem Lichteinfall in impressionistischer Weise festgehalten würde, sondern scheint ebenso sehr immer auf das grundsätzlicher Charakteristische des Porträtierten zu verweisen – im vorliegenden Bild etwa eingelöst durch den ambivalenten, gleichermassen skeptisch-scheuen wie aufmerksam-prüfenden Blick des Dargestellten.

Isabel Fluri