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Zwei Liegende, ein Kauernder
  • Moriz Melzer
  • Zwei Liegende, ein Kauernder, 1910/1911

  • Ölfarbmonotypie auf Japanpapier
  • 34 x 49.5 cm
  • signiert oben rechts, mit Bleistift: "Moriz Melzer"
  • Kunstmuseum Luzern
  • Inv.-Nr. 95.131y
  • © Kunstmuseum Luzern
  • Jahr von: 1'910
  • Jahr bis: 1'911
Werkbeschrieb
Provenienz
Ausstellungsgeschichte
Literatur
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Das Thema der Badenden ist seit Paul Cézannes Zeichen des Aufbruchs der Moderne, nicht nur für die daran anknüpfenden französischen Maler wie Henri Matisse und Pablo Picasso, sondern gerade auch für die deutschen Expressionisten. Bei den Brücke-Malern führte die Faszination für dieses Motiv sogar zu gemeinsamen Ausflügen an die in der Nähe von Dresden gelegenen Seen. Die sinnlich-erotische Lebenswelt ist Teil einer antiautoritären Lebenshaltung und Kunstform, die sich in der damals aufkommenden Körperkultur und dem Einsatz der Farbe äussert. Gleichzeitig wird sie mit dem Exotischen insbesondere der Bewunderung der Südsee-Figuren und der so genannten primitiven Kunst wie der „Negerskulptur“ verbunden.

Moriz Melzer reiht sich mit seinen zahlreichen Landschaftsbildern und Badeszenen der ersten beiden Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts in die Thematik und die Farbigkeit der deutschen Expressionisten ein. Die Modellierung und Stilisierung der Figuren sowie die besondere Komposition bestimmen den Charakter seiner Badeszenen. Seine Technik der Monotypie verleiht den Körpern trotz ihrer Einfachheit eine besondere Plastizität. Durch eine starke, meist farbig gesetzte Kontur modelliert er den Körper und variiert diesen in verschiedenen Farben. Zusätzlich setzt er durch das Auslöschen der Farbe auf der bereits bemalten und für den Druck vorbereiteten Platte helle Akzente, die den Körper plastisch hervortreten lassen.

Die Arbeit „Zwei Liegende – ein Kauernder“ des Kunstmuseums Luzern ist in ihrer Komposition und Farbigkeit insofern besonders gelungen, als der Künstler drei verschiedenfarbige Körper so auf dem Bild arrangiert, dass sie ein Dreieck aufspannen. Der Künstler verleiht den drei Figuren durch ihre Farbigkeit und ihre Haltung einen je spezifischen Ausdruck. So scheint die weisse, sich beinahe mit dem Bildgrund verschmelzende, weit über die ganze Bildbreite ausgestreckte Figur in der Mitte des Bildes zu schweben. Sie erhält eine Leichtigkeit, die von den beiden unteren, dunkleren Figuren aufgefangen wird. Die hellbraune Figur steigt mit einem überdimensionierten – beinahe obszön anmutenden – Schritt ins Bild, und verbindet sich in der Umarmung auf der linken Seite mit dem schlanken weissen Körper. In der rechten Bildecke zusammengekauert, sitzt eine gedrungene dunkelfarbige Gestalt, die sich nach den anderen umschaut. Die dunkle Farbigkeit der Haut und die Gedrungenheit des Körpers der Eckfigur, die an die Südseefiguren von Pechstein erinnern, findet sich auch in anderen Bildern von Melzer („Denkmäler an die Frau“ KML Inv.-Nr. 348x).

Die Schwingung der Konturen und Formen verleihen der ausgeklügelten Komposition einen poetischen und ornamentalen Charakter. Das Ornamentale der Figurenkonstellation vervollständigt sich im Hintergrund durch die im blauen Feld verteilten roten Kringel sowie durch die dazu in farblichen Zusammenhang gesetzten Zwischenräume wie das Türkis in der linken Ecke und das Orange auf der rechten Seite. In einem weiteren Bild von Melzer, das ebenfalls mit „Die Liegenden“ (KML Inv.-Nr. 95.134y) betitelt ist, geht das Ornamentale und Expressive auf die Körperfarbe über. Die Figuren in schrillem Türkis und Violett liegen auf gelben und rosa Tüchern auf einem Sofa mit Blumenmuster. Der Bezug zu Henri Matisses ornamentalen Interieurs liegt in beiden Bildern von Melzer nahe, tritt aber in letzterem manieristisch zu Tage.

Annamira Jochim