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Brustbild einer Frau
  • Frank Buchser
  • Brustbild einer Frau, um 1875/1876

  • Öl auf Karton
  • 26.4 x 20.4 cm
  • signiert oben rechts: "F.B."
  • Kunstmuseum Luzern, Eigentum der Schweizerischen Eidgenossenschaft, Gottfried Keller-Stiftung, Bern
  • Inv.-Nr. E 89.95x
  • © Kunstmuseum Luzern
  • Jahr von: 1,875
  • Jahr bis: 1,876
Description
Provenance
Exhibition History
Bibliography
Other

Die Porträtmalerei ist mindestens in einem Belang wesentlich für Frank Buchsers künstlerische Existenz: Sie verschafft ihm die finanzielle Grundlage, die für seine ausgedehnten Reisen nach Spanien und Marokko notwendig ist. Als seine Genrebilder in Amerika nicht den erhofften Anklang finden, entwickelt Buchser kurzerhand das sogenannte "Capriccio-Porträt". Es handelt sich hierbei um eine kleinformatige, schnell hingeworfene Bildnisskizze, mit welcher sich der Maler dem Konkurrenzkampf mit der Fotografie stellt. Bei gleich schneller Produktionszeit verfüge das Porträt über sämtliche Vorteile der Malerei, beispielsweise das Herausheben von Charakterzügen oder die Individualität der Gestaltung, preist der geschäftstüchtige Künstler sein Produkt in Zeitungsartikeln an.

Im mondänen Badeort Scarborough greift Buchser auf diese Technik zurück und porträtiert für stolze 80 Pfund die englische Aristokratie. Das "Brustbild einer Frau" ist sicher kein solches Auftragswerk, sondern muss im Zusammenhang mit der Produktion rund um das Thema der Fischermädchen betrachtet werden. Aber auch hier wendet Buchser seinen schnellen Pinselstrich an und beeindruckt mit einer satten Farbgebung und einer meisterlichen Stricheltechnik.

Modell für das kleinformatige Gemälde stand ihm vermutlich Miss Maud Hurst, eine bekannte Figur des Scarborougher Gesellschaftsleben, von ihren Verehrern auch "Belle of the Spa" genannt. Als Fischermädchen taucht sie in vielen von Buchsers englischen Genredarstellungen zwischen 1875 und 1877 auf. Ausserdem stellt er sie mehrmals, meist im Profil, in kleinformatigen Brustbildern dar, die er mit "Irene" betitelt. Im Luzerner Exemplar wählt er eine in hellen Tönen gehaltene Dreiviertelansicht, die sich von dem olivfarbenen neutralen Hintergrund absetzt. Das rosafarbene Gewand und die weisse Bluse der jungen Frau sind zur Seite gerutscht und entblössen Schulter sowie den Ansatz der linken Brust. Dies verschafft dem Maler die Gelegenheit, den Kontrast zwischen der sanft modellierten Plastizität des üppigen Dekolletés und der Oberfläche eines glänzenden, in lebhafte Falten gelegten Stoffes effektvoll und sinnlich zu inszenieren. Die Dargestellte trägt das lange braune Haar offen, so dass es in ungeordneten Strähnen über die Schultern fällt. Den Kopf hat sie leicht geneigt und aus grossen dunklen Augen blickt sie verträumt zur Seite. Ein helles Licht taucht ihre rechte Gesichtshälfte in Schatten, wodurch der Maler sein Geschick, auch unbeleuchtete Partien fein und plastisch modellieren zu können, unter Beweis stellt.

Hauptsächlich der Wunsch nach einer virtuosen Wiedergabe des Lichtspiels auf Haaren, Haut und Kleidung dürfte den Künstler zur Schaffung der diversen Irene-Bildnisse bewegt haben. Die Sinnlichkeit und sublime Erotik darin ist hingegen vielen Frauendarstellungen in Buchsers Werk zu eigen. Das lebhafte Interesse des Malers am weiblichen Geschlecht ist in verschiedenen Tagebucheinträgen bezeugt. Allerdings liegt dem überzeugten Frauenhelden mehr an Eroberungen, denn an einer ernsthaften Beziehung, weshalb seine Mutter Anna Maria Buchser-Walker die einzig wichtige Frau in seinem Leben bleibt.

Regine Fluor-Bürgi