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Gewürzfenster
  • Dieter Roth
  • Gewürzfenster, 1971

  • Holz, gelbbeige lackiert, Glas, Gewürze (Curry oder Kardamom, Pfeffer, Zimt oder Nelkenpulver, Herbes de Provence), Metallscharniere und -riegel
  • 77.1 x 156.4 x 7 cm
  • signiert und datiert verso, mit schwarzem Filzstift: "Dieter Roth/(Erstes Stück, Prototyp der Serie)/gemacht 1971"
  • Kunstmuseum Luzern
  • Inv.-Nr. 87.70w
  • © Estate of Dieter Roth
  • Jahr von: 1,971
  • Jahr bis: 1,971
Description
Provenance
Exhibition History
Bibliography
Other

Nach der nicht essbaren, anorganischen "Literaturwurst" (ab 1961), gefertigt aus gehäckselten Buchseiten, beginnt Dieter Roth ab Mitte der 60er Jahre, Esswaren zusammen mit anderen Materialien zu verarbeiten. Zu diesen aufgrund ihrer organischen Bestandteile sich verändernden und nicht nur optisch und haptisch, sondern überdies olfaktorisch wahrnehmbaren Materialbildern gehören unter anderem (vgl. auch "Ohne Titel", Inv. Nr. 536w) die "Gewürzfenster". Die von einer graugelb lackierten Holzahmenkonstruktion zusammengehaltenen fünf ihrerseits je wiederum holzgerahmten Glasbehälter fassen verschiedene Gewürze, vermutlich unter anderem Curry, Pfeffer, Herbes de Provence, Zimt/Nelkenpulver. Roth arbeitet bei diesem Gewürzfenster – "Erstes Stück, Prototyp der Serie" (so auf der Rückseite des Werks vermerkt) – nicht wie in anderen Ausführungen desselben mit Schichtungen, die an ein tektonisches Modell denken lassen: Bei vorliegender Variante enthält jedes Fach eine einzige Gewürzsorte oder –mischung, die sich von den anderen vier jeweils durch Farbe und Geruch unterscheidet. Der Wohlgeruch der Gewürze entweicht – nach wie vor – aus den nicht hermetisch verschlossenen Behältnissen.

Ob mit verschimmelndem Käse oder anderen übelriechenden organischen Materialien, ob mit wohlriechenden Gewürzen, immer verarbeitet Roth diese Substanzen im Bewusstsein der grossen Bedeutung des Geruchs für die Erinnerung. Zumindest seit Marcel Prousts eindringlicher Beschreibung des unfreiwilligen Eingedenkens ("mémoire involontaire"), das den Protagonisten seines monumentalen Romanwerks "A la recherche du temps perdu" beim Riechen einer Madeleine unvermittelt "überfällt", gilt die enge Verbindung von Geruch und Gedächtnis als literarischer und künstlerischer Topos.

Isabel Fluri