deutschenglisch
Der reiche Prasser und der arme Lazarus
  • Martin Moser
  • Der reiche Prasser und der arme Lazarus, 1557

  • Ölgebundene Malerei auf Holz
  • 145 x 303 cm
  • signiert und datiert unten Mitte: "MARTIN MOSER/PINGEBAT 1557"
  • Kunstmuseum Luzern, Depositum des Historischen Vereins Zentralschweiz
  • Inv.-Nr. K 2x
  • © Kunstmuseum Luzern
  • Jahr von: 1'557
  • Jahr bis: 1'557
Werkbeschrieb
Provenienz
Ausstellungsgeschichte
Literatur

Die Darstellung schildert die Sequenz „Vom reichen Mann und armen Lazarus“ aus dem Evangelium nach Lukas (16, 19-31). Demnach verwehrt der in Saus und Braus lebende reiche Mann dem vor seiner Haustüre bettelnden Lazarus sogar die Brotsamen, die von seinem Tisch gefallen sind. Stattdessen lecken Hunde die Schwären des Bedürftigen. Nach dem Tod des Prassers rächt sich sein unbarmherziges Verhalten, denn er gelangt in die Hölle. Lazarus Seele hingegen wird in Abrahams Schoss aufgenommen – nach der alttestamentarischen Vorstellung Ort des höchsten Glücks, dem im neuen Testament das Paradies entspricht. Als der im Höllenfeuer leidende reiche Mann dies sieht, bittet er Abraham: „Erbarme dich mein und sende Lazarus, dass er die Spitze seines Fingers ins Wasser tauche und kühle meine Zunge; denn ich leide Pein in dieser Flamme.“ Abraham aber verwehrt ihm diese Gnade mit der Begründung, dass der Prasser im Unterschied zum Armen bereits im Leben Gutes empfangen habe und nun leiden müsse, während Lazarus Trost erlebe.

Martin Moser setzt die Erzählung durch eine Simultandarstellung um: Er vereinigt die verschiedenen Elemente der Handlung, die zeitlich und räumlich eigentlich voneinander getrennt stattfinden, in einem einzigen, zum Betrachter und der Landschaft hin geöffneten Bildraum. Um die einzelnen Geschehnisse trotzdem augenscheinlich voneinander abzugrenzen, verwendet der Künstler Architekturelemente wie Säulen, Wandvorsprünge und Stufen, sowie perspektivische Verkürzungen, die die Platzierung von weiteren Szenen im Hintergrund ermöglichen. Für den Betrachter stellt sich damit die Herausforderung, den chronologischen Ablauf der Ereignisse, der keiner konsequenten Leserichtung folgt, selbst zu eruieren.

Die erste Szene ereignet sich hauptsächlich in der Mitte der Tafel zwischen den beiden markanten Säulen. Im reich ausgestatteten Speisesaal des Prassers findet ein Gastmahl statt, das durch die Dienerschaft und zwei Gambenspieler betreut wird. Lazarus ist dieser Szene im Vordergrund rechts vorgelagert. Er wendet sich mit seinem Anliegen gerade an einen Zuträger und weist zu diesem Zweck auf die reiche Tafel des Prassers. In einem Hinterzimmer links im Bild wird der nächste Moment festgehalten: Der Prasser liegt in seinem Sterbebett, umringt von einem Arzt, einem Priester und zwei Teufeln, die ihm seine irdischen Reichtürmer vor Augen führen. Vom anschliessenden Tod des Prassers zeugt einerseits die aufwändige Begräbnisprozession, die auf der rechten Bildseite aus dem Haus zur Kirche im Hintergrund führt, andererseits die Gefangennahme der Seele des Reichen durch drei Teufel links neben dem Sterbebett. Dort, in der Landschaft im Hintergrund des Hauses ist zu sehen, wie die Seele des vor seiner ärmlichen Hütte einsam verstorbenen Lazarus in Gestalt eines Kindes aus seinem Mund entweicht – so wie es der mittelalterlichen Vorstellung entsprach. Während die Seele von einem Engel in Empfang genommen wird, gräbt ein anderer das Grab für den Leib des Armen. Über dieser Szene öffnen sich die Wolken und geben den Blick auf Lazarus im Schoss Abrahams frei. Der nach unten weisende Fingerzeig des Stammvaters deutet auf das Gespräch, das er mit dem Prasser führt, der ganz im Vordergrund links in der Hölle schmort und auf seine dürstende Zunge zeigt.

Diese letzte Szene, aber auch die Schilderung des Gastmahls mit dem bettelnden Lazarus im Vordergrund und die Darstellung des Sterbelagers des Prassers wirken wie Zitate aus Heinrich Aldegrevers „Parabel vom reichen Mann und dem armen Lazarus“, einer fünfteiligen Kupferstichfolge aus dem Jahr 1554 (München, Staatliche Graphische Sammlung, Inv.-Nr. 15597-15600 und Kunstmuseum Basel, Inc. 1823.3082). Die auffälligen Parallelen lassen vermuten, dass Martin Moser die graphischen Blätter des deutschen Meisters als Muster verwendete. Das Kopieren und Kompilieren von Vorlagen war in jener Zeit nichts Ungewöhnliches. Wie Sabina Kumschick erläutert, war es unter den Künstlern vielmehr gängige Praxis, sich durch die weit verbreiteten Bilderbibeln und Einzelblätter verschiedener Meister ein breites Bildvokabular anzueignen, das anschliessend in die eigenen Werke integriert wurde. Allerdings wäre es gemäss Johanna Thali auch möglich, dass sowohl Aldegrever als auch Moser auf eine gemeinsame, uns allerdings unbekannte Quelle rekurrieren.

Die Geschichte von Lazarus und dem reichen Mann ist nicht schwer zu interpretieren, bildet sie doch einen eindringlichen Aufruf zu einer christlichen Lebensführung. In demselben Sinne appellieren auch die beiden anderen Motive aus der Hauskapelle an den Betrachter. Mit den biblischen Exempeln wollte der Auftraggeber Jost Pfyffer vermutlich sich und die Seinen zu einem tugendhaften Lebenswandel ermahnen. Dafür spricht auch die Beobachtung, dass der Begräbniszug des Prassers im Hintergrund des Bildes in die Luzerner Hofkirche führt. Wie Johanna Thali treffend bemerkt, wird das Geschehen damit unmittelbar in der Erfahrungswelt der Auftraggeber lokalisiert und verweist auf die Aktualität der Thematik. Von den Stiftern zeugen auch heute noch die Familienwappen, die sie durch Martin Moser auf der Tafel anbringen liessen. Links ist das Pfyffer-Wappen zu sehen – ein schwarzes Mühleisen auf gelbem Grund, ergänzt durch einen schwarzen Ring –, rechts dasjenige seiner zweiten Frau Anna Maria Cloos, ein gelbes Steckglas auf schwarzem Grund. Aber auch der Künstler selbst hat sich auf der Tafel verewigt: Neben dem heute unvollständigen Titel des Gemäldes hat er in goldenen Lettern seinen Namen und die Datierung festgehalten: „MARTIN MOSER PINGEBAT 1557“.

Anne-Christine Strobel