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Weltkarte
  • Michael Buthe
  • Weltkarte, um 1970

  • Collage (auf Textil, auf Leichtschaumplatte)
  • Durchmesser 182 cm
  • nicht bezeichnet
  • Kunstmuseum Luzern, Depositum der BEST Art Collection Luzern
  • Inv.-Nr. M
  • © 2011, ProLitteris, Zurich
  • Jahr von: 1'970
  • Jahr bis: 1'973
Werkbeschrieb
Provenienz
Ausstellungsgeschichte
Literatur

Die um 1970 entstandene, runde Collagearbeit „Weltkarte“ hat einen Durchmesser von circa 180 Zentimeter und zeigt ein regelrechtes Bildermeer aus unzähligen kleinen Schnipseln, die von Tausenden von goldbronzenen Punkten übersäht sind. Fotografien und Illustrationen von Menschen, Tieren, Masken, Symbolen und Zeichen aus den unterschiedlichsten Kulturen, Zeiten und Ländern sind mit fein gezackten Tortendeckchen, Tassenuntersetzern oder den Etiketten orientalischer Dattelbüchsen collagiert. Die so entstandene Weltcollage entbehrt jeglicher geografischer Orientierung oder kartografischer Regeln, sie ist frei von hegemonialer Ordnung: Bildzitate und Bildfragmente unterschiedlichster Provenienzen sind verklebt, vereint und durch das von Buthe oft verwendete Gestaltungselement der Goldpunkte auch visuell verbunden. Während die Vorderseite der Collage als utopisch-künstlerische Weltkarte erscheint, offenbart die Rückseite – die dem Betrachter, der Betrachterin normalerweise verborgen bleibt – das Gerüst der Utopie: Die Nachrichten aus dem Weltgeschehen auf dem Revers der Bilderschnipsel vermengen sich mit persönlichen Notizen des Künstlers auf der Rückseite von Postkarten oder Tortendeckchen. Präsentiert anlässlich der gross inszenierten Einzelausstellung „Le Dieux de Babylon“ (1973/74) ergänzt Buthe die originale Collage der „Weltkarte“ um eine Edition als gold-schwarzer Offsetdruck. In dieser Ausführung erscheint die „Weltkarte“ als patchworkartiges Gebilde, bestehend aus vier grossen zusammengefalteten Bögen, die erst wieder zu einer Ganzheit zusammengefügt werden müssen.

Als collagiertes Bildermeer impliziert die künstlerische Arbeit nicht nur das Abbild einer idealen, kulturell vielfältigen und hierarchielosen Welt, sondern steht mitunter wohl auch im Bezug zu Buthes eigenem Lebensentwurf, seinem Dasein als Reisender zwischen den Kontinenten, als Nomade zwischen Europa und Afrika. So fungiert die „Weltkarte“ auch als persönlicher Bilderspeicher des Künstlers, in dem die gefundenen und gesammelten Bilder seiner Reisen, seines Lebens, Eingang finden. In seiner Suche nach dem künstlerischen Ausdruck eines, auch idealisierten, Weltbildes steht Buthe – sowohl mit Blick auf die Kunst- als auch auf die Wissenschaftsgeschichte – in einer visuellen Tradition. Zu nennen wären hier unter anderem die frühen kartografischen Weltdarstellungen aus dem Mittelalter – so beispielsweise die berühmte, um 1300 entstandene Ebstorfer Weltkarte, die die Erde als flache Scheibe mit Zentrum Jerusalem zeigt – oder El Grecos Ansicht auf das spanische Toledo (1610-1614). Hinsichtlich dem 20. Jahrhundert ist weiter an Michelangelo Pistolettos Skulptur „Mappamondo“ aus den späten 1960er Jahren oder an die grossangelegte Serie von gewobenen Weltkarten (1971–1994) des italienischen Künstlers Alighiero e Boetti zu denken. Mit spezifischem Blick auf Buthes künstlerisches Schaffen reiht sich die „Weltkarte“ einerseits in seine Beschäftigung mit dem Kreis als Formvorlage für die verschiedensten künstlerischen Abreiten, andererseits markiert sie um 1970 den Beginn seiner intensivierten Auseinandersetzung mit der Collagetechnik. Ein Verfahren, das sich in Buthes Œuvre sowohl in den zweidimensionalen Papierarbeiten als auch bei den Objekten als zentral erweisen sollte. Mit Klebstreifen und Leim, oft aber auch mit Wachs collagiert Buthe in seinen Werken nicht nur gefundenes Bildmaterial oder Fotografien, sondern auch Blütenblätter, Zuckerstücke, Dosenbleche, Federn, Stoffreste, Holzstücke oder Muscheln. Weiter nährt sich beim Betrachten von Buthes Werk der Eindruck, dass aus der Technik der Collage nicht nur die Papierarbeiten oder die Objekte entstehen, sondern dass sie auch seine opulenten Inszenierungen – gedacht sei an „Le Dieux de Babylon“ oder an „Hommage an die Sonne“ – und letztlich seine gesamte, duftende, glitzernde Bildwelt beschreibt. So scheint dieses kunstvoll collagierte Gesamtkunstwerk aus gefundenen und kreierten Bildern, aus Geschichten und Erfahrungen, verklebt mit Tesafilm und Wachs ein ganz eigenes, utopisches Weltgefüge zu ergeben.

Gioia Dal Molin