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Madonna II
  • Moriz Melzer
  • Madonna II, 1913

  • Ölfarbmonotypie auf Papier, auf Leinwand aufgezogen
  • 131 x 89 cm
  • signiert, oben rechts: "Melzer 13"
  • Kunstmuseum Luzern
  • Inv.-Nr. 346x
  • © Kunstmuseum Luzern
  • Jahr von: 1,913
  • Jahr bis: 1,913
Description
Provenance
Exhibition History
Bibliography
Other

Die religiösen Themen wie die zahlreichen Madonnenbilder im Werk von Moriz Melzer werden oft mit seiner Herkunft aus dem katholischen Böhmen in Verbindung gebracht. In der Tat ist er in Albendorf geboren, einem kleinen böhmischen Dorf, das von einer grossen Wallfahrtskirche dominiert wird. Neben den barocken Kirchen seiner Heimat setzt er sich bei seinem Italienaufenthalt 1914 in Florenz ausgiebig mit der italienischen Malerei auseinander. Die „Madonna II“ des Kunstmuseums Luzern ist jedoch kurz vor diesem Aufenthalt entstanden und wird bereits 1913 in der Galerie Commeter in Hamburg und beim „Salon d’Automne“ in Paris ausgestellt.

Seine religiösen Darstellungen tragen einen eigenwilligen Charakter, der sich in Kolorit und Komposition von der traditionellen christlichen Ikonographie abhebt. Der Einsatz der Farbe ist vergleichbar mit dem der Expressionisten der damaligen Zeit, indem sie nicht mehr das Äussere der Dinge charakterisiert, sondern ihre innere Substanz. Die Expressionisten lösen sich von der Motivfarbe zugunsten eines Eigenwerts der Farbe, ohne aber das Motivische ganz aufzugeben. Vielmehr entsteht durch das Verhältnis von Motiv und Farbe eine Spannung, die das Bild in Bewegung bringt. Der Zusammenhang zwischen Intensität und Ausdehnung einer Farbe bestimmt die Bildkomposition Melzers auf jeweils eigene Weise wie hier bei der Madonnendarstellung oder auch in den Badeszenen.

Die Komposition der „Madonna II“ nimmt zwar auf den ersten Blick Bezug auf tradierte Mutter-Kind-Darstellungen, sticht aber wegen ihrer grünlichen Hautfarbe heraus, weswegen sie auch „Grüne Madonna“ (Ausst.-Kat. 1918 und 1957) genannt wurde. Das Grün der Haut verleiht der Madonna etwas Befremdliches, das sie auf eine Ebene jenseits des Menschlichen hebt. Umgekehrt verschmilzt ihr Heiligenschein mit dem Braunton des Bildgrundes, auf dem sich ihr blaues Kleid abzeichnet. Im Verschwinden des Heiligenscheins im Bildgrund nimmt die Madonna eine menschliche Form an, die von der entrückten Farbigkeit des Gesichts kontrastiert wird.

Die Verbindung von göttlichen und menschlichen Eigenschaften charakterisiert auch die Darstellung der Beziehung zwischen Mutter und Kind. Obwohl die Madonna sich dem Kind zuneigt und ihre Arme es umfangen, blickt sie es nicht wirklich an und hält es auch nicht mit ihren Händen fest. Das Kind ist umringt von der Mutter und dennoch scheint es frei in den Stoffbahnen des Kleides zu liegen. Diese eigenartige Geborgenheit in der Stofflichkeit des Kleides und die merkwürdige Eigenständigkeit des Kindes finden sich auch in anderen Madonnendarstellungen von Melzer wie in der „Meeresmadonna“ und der „Handmadonna“. Diese zeigt sich in der Haltung und im aufmerksamen Blick des Kindes aus dem Bild heraus, während die Mutter in Versunkenheit dargestellt ist.

Neben der Farbigkeit verleiht der Künstler dem Bild auch mittels seiner Herstellungstechnik, der Monotypie, eine besondere Ausdruckskraft. Sie zeichnet sich durch starke Konturen und satte farbige Flächen aus. Diese Farbflächen werden von Aussparungen durchsetzt, die wie Glanzlichter das Papier hervorleuchten lassen. Dadurch werden hier zum einen die stoffliche Qualität des Kleides der Madonna und zum anderen die Leuchtkraft ihres Gesichtes und der Hände hervorgehoben.

Annamira Jochim