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La Dryade
  • Georges Einbeck
  • La Dryade, 1909

  • Tempera auf Karton
  • 60 x 44.5 cm
  • nicht bezeichnet
  • Kunstmuseum Luzern. Legat Dr. Senta Rasmus, Berlin
  • Inv.-Nr. 2013.001y
  • © Kunstmuseum Luzern
  • Jahr von: 1'909
  • Jahr bis: 1'909
Werkbeschrieb
Provenienz
Literatur
Weiteres

Der Titel nimmt es vorweg: In dem 1909 entstanden Gemälde verbirgt sich, erst auf den zweiten Blick sichtbar, eine Baumnymphe, eine Dryade. Wer genau hinschaut, erkennt, dass sie von einem Bock durchs Unterholz gejagt wird. Aber eines nach dem andern.
1908 zog es Georges Einbeck an die Côte d’Azur nach Menton, wo er sich niederliess und seine zukünftige Frau Daisy kennenlernte. Inspiriert von einer achtmonatigen Nordafrika-Reise und den schönen Gegebenheiten vor Ort, malte er in dieser Zeit eine Serie von Mittelmeerlandschaften. In Menton, abseits der grossen Städte wie Dresden, Hamburg oder Paris, wo er zuvor gelebt hatte, konnte Einbeck endlich seinen charakteristischen Stil entwickeln. Dessen Merkmale sind die starken Lichtkontraste, die intensive Leuchtkraft der Farben, welche er durch gekonnte Kombinationen von Komplementärfarben erzeugt, sowie der raffinierte Bildaufbau.
Im Gemälde La Dryade scheinen wir auf einer Lichtung zu stehen. Vor uns ragen fünf Pinien-bäume auf, welche bis über den Bildrand hinausgehen. Als ob diese sich über die Jahre den heftigen Windböen gebeugt hätten, zeigen ihre schlanken Stämme allesamt in dieselbe Richtung. Der Boden unter ihnen ist von Büschen überwachsen, auf denen sich Licht und Schatten spielend abwechseln. Das Licht der Mittagssonne hat die Baumkronen golden gefärbt, und einige Strahlen fallen auf die dünnen Stämme. Der Himmel strahlt in tiefem Blau, und eine Wolke schiebt sich vom linken Bildrand nach rechts hinter den Bäumen durch und verstärkt so den Eindruck, dass sich die Welt in dieser Darstellung etwas schneller dreht als sonst. Im Mittelgrund steht eine Gruppe von Bäumen, welche nach links geneigt das Bild in der Balance halten. In der weiten Ferne zieht sich eine Hügellandschaft durch die Bildmitte. Einbeck entwickelt in dieser Darstellung ein Zusammenspiel von Farben, welches er in seinem späteren Werk immer wieder gekonnt einsetzt. Die gelblichen Baumkronen bringen den blauen Himmel zum Leuchten, und der violette Hügel links im Hintergrund kontrastiert zu den orangen Lichtflecken auf den Stämmen.
Die Idylle dieser südfranzösischen Landschaft wird einzig durch die titelgebende Dryade ge-stört, welche von einem lüsternen Bock durch den Wald gejagt wird. Eine Dryade ist in der griechischen und römischen Mythologie eine Baumnymphe. Einbeck deutet diese Einbindung in die Natur an, indem er ihren nackten Körper im selben Lila malt wie den Waldboden. Ihre Hände vor Schreck in die Luft geworfen, flüchtet sie sich tiefer ins Gehölz. Gleich hinter ihr hat der Bock seine Vorderhufe ebenfalls in der Luft erhoben, als ginge er soeben in den Angriff über.
Wie eingangs erwähnt, ist diese Szene nicht sofort erkennbar, da sie sich im Mittelgrund des Bildes, hinter der ersten Baumreihe abspielt. Die Figuren sind vergleichsweise klein und wenig detailliert gemalt. Ihre Farbigkeit und Malweise lässt sie mit der Umgebung verschmelzen – es könnte sich gar um eine optische Täuschung handeln. Auch lassen sich keine klassischen Attribute erkennen, welche auf eine mythologische Darstellung verweisen; ohne den Hinweis im Titel könnte es sich auch um eine ganz alltägliche Szene handeln. Einbeck reizt mit diesem Bild die Grenzen der Gattungen aus und lässt uns im Ungewissen darüber, was wir eigentlich genau sehen. Es ist dies der Beginn seiner fauvistischen Malerei. Vielleicht sah Einbeck eine Analogie zwischen dem Zusammenklang von Farben und Formen des Gemäldes und der Einheit zwischen Mensch und Natur in der mythologischen Szene. cv