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groundspeed (Red Piazza) #4
  • Rosemary Laing
  • groundspeed (Red Piazza) #4, 2001

  • C-Print auf Metallicpapier, Auflage: 12/15
  • 110 x 219 cm
  • signiert, bezeichnet und datiert, verso, mit Kugelschreiber: "Rosemary Laing groundspeed (Red Piazza) #4 (unleserlich) 12/15 2001"
  • Kunstmuseum Luzern, Depositum der BEST Art Collection Luzern
  • Inv.-Nr. M 2005.81q
  • © Rosemary Laing
  • Jahr von: 2'001
  • Jahr bis: 2'001
Werkbeschrieb
Provenienz
Ausstellungsgeschichte
Literatur
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Die grossformatige Farbfotografie „groundspeed (Red Piazza) #4“ der australischen Künstlerin Rosemary Laing von 2001 öffnet den Blick in eine üppige, grüne Urwaldvegetation. Anstelle des zu erwartenden überwachsenen Waldbodens wird der Betrachterblick jedoch durch einen auffallend gemusterten, roten Teppich irritiert, der sich über den Waldboden legt. Die deutlich erkennbare Webstruktur des Teppichs verwandelt den waldigen Untergrund in eine weiche Fläche, fast glaubt man die verwobene Wolle unter den Füssen spüren zu können. Das ornamentale Blumenmuster windet sich zwischen den Baumstämmen und den moosbewachsenen, grün leuchtenden Steinen hindurch, dicht bewachsene Sträucher scheinen in die Teppichfläche hineinzuwachsen, ab und an verdeckt Laub das gelbliche Muster.

Die fotografische Arbeit von Laing kann als Landschaftsbild beschrieben werden und steht in diesem Sinne sowohl in der Tradition des kunsthistorischen Genres der Landschaftsmalerei als auch in derjenigen der Landschaftsfotografie, die sich durch die Wiedergabe der unberührten oder vom Menschen gestalteten natürlichen Umwelt charakterisieren. Hierbei ist entscheidend, dass dieser künstlerisch festgehaltene Blick auf die Natur letztlich ein kulturelles Konstrukt darstellt, das stets determiniert ist durch den jeweiligen gesellschaftlichen Kontext und die auf bestimmten Traditionen beruhenden Naturvorstellungen. Darstellungen von Landschaften haben seit jeher auch eine konkrete Repräsentationsfunktion und sind oftmals als Metaphern für eine nationale Identität zu lesen. Landschaftsdarstellungen erscheinen in diesem Sinne als visuelle, identitätsstiftende Verkörperung des ansonsten sehr unsichtbaren Konstrukts eines nationalen Selbstverständnisses. Gerade bezüglich des wesentlich auf koloniale Gesellschaften fokussierte, inzwischen zum Topos avancierten Diktums von Benedict Andersons „imagined community“ von 1983 – also der für die Konzipierung einer Nation evident wichtigen vorgestellten Gemeinschaft – ist die reale Visualisierung von entsprechend symbolbehafteten Landschaften zentral. Auch für die vergleichsweise junge Nation Australien war die an den europäischen Vorbildern orientierte Landschaftsmalerei – so beispielsweise die Aquarellbilder des australischen Busches vom deutschstämmigen Maler Hans Heysen (1877–1968) – ein wichtiges Mittel bei der Ausbildung einer nationalen Identität. Die seit etwa 1840 bestehende Landschaftsfotografie spielte als bildtragendes Medium zudem eine wichtige Rolle im Prozess der tatsächlichen und ideellen Aneignung, Kartierung, Eingrenzung und Zuweisung des Raumes in einem kolonialistischen Kontext.

Indem Laing in „groundspeed (Red Piazza) #4“ einen in der Tradition des britischen Salonstils stehenden Teppich in einem australischen Busch verlegt, schafft sie für das dem Kolonialisierungsprozess immanente Aufeinandertreffen der Kulturen ein neues, aussagekräftiges Bild: Die britische Kolonialmacht und die ursprüngliche australische Kultur prallen hier tatsächlich aufeinander. Die Fotografie zeigt demnach einen Prozess, der in der tradierten, oft im Zweck der Konzipierung einer nationalen Identität stehenden Landschaftsbildern unsichtbar bleibt. Durch die Abbildung des bis anhin Unsichtbaren verweist die Künstlerin auf die in der Landschaft unmittelbar sichtbaren Spuren der Zivilisation, der Kolonialisierung und der Besiedelung. Dadurch untergräbt sie eine vermeintlich längst gefestigte nationale Identität, in der kritische Fragen nach der dunklen Seite des Kolonialisierungsprozesses kaum Platz fanden. Teppichgleich breitet sich die britische Kultur aus, die gewobenen Blumenornamente des im Werktitel genannten Teppichmusters „Red Piazza“ überdecken die reale Vegetation, die jedoch – im Wissen um die Tatsache, dass die Aufnahme in einem Naturschutzreservat entstand – ebenfalls bereits als gezähmt zu bezeichnen ist. So konzipiert Laing eine postkoloniale Perspektive auf die Besetzung der australischen Landschaft und evoziert mit „groundspeed (Red Piazza) #4“ ein Nachdenken und eine kritische Hinterfragung der visuellen Inszenierung von Raum. Durch die künstlerische Thematisierung der Landschaft bricht Rosemary Laing mit der tradierten Form des Landschaftsbildes und dessen repräsentativen Komponenten, schafft neue Symbole und wirft implizit Fragen nach dem Nicht-Repräsentierten auf.

Gioia Dal Molin