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De Lucerna E
  • Maria Nordman
  • De Lucerna E, 1992

  • 4 Holzrahmen mit aufgespannter, bemalter Leinwand, Tische und Hocker, 2 Schlitztrommeln
  • Leinwandrahmen je 243 x 361 x 14.4 cm
  • nicht bezeichnet
  • Kunstmuseum Luzern
  • Inv.-Nr. 92.43w
  • © Maria Nordman
  • Jahr von: 1'992
  • Jahr bis: 1'992
Werkbeschrieb
Provenienz
Ausstellungsgeschichte
Literatur

Von 1989 bis 1993 verfolgt Maria Nordman das Thema der New conjunct city proposals, zu dem sie in verschiedenen Städten Installationen konzipiert. Nach Münster, New York und Hamburg erarbeitet sie 1992 auch für Luzern ein entsprechendes grösseres Projekt, in dessen Rahmen die Arbeit „De Lucerna E“ entsteht. Die Gesamtinstallation findet im früheren, von Armin Meili erbauten Gebäude des Kunstmuseums Luzern statt. Der ganze Ausstellungstrakt, der zu diesem Zwecke vollständig leer geräumt wird, ist involviert: So werden die Wände neu gestrichen und die Oberlichter von der Künstlerin mit Folien in den für sie typischen Farben Rot, Blau und Grün abgedeckt. Der Aspekt des Lichtes, das durch die Folien eindringt und die Ausstellungsräume in Farbe taucht, ist in den Arbeiten von Maria Nordman immer sehr zentral, denn erst das Licht ermöglicht den Besucherinnen und Besuchern die Wahrnehmung des Raumes. Diese spezifische, zeitlich begrenzte Erfahrung von Raum und Licht wird zum eigentlichen Gegenstand der Kunst gemacht. Um den Lauf der Sonne und die Wirkungsweise und Veränderungen des Lichts in den Räumen, beziehungsweise den Zusammenhang von Licht, Raum und Wahrnehmung für die Öffentlichkeit erfahrbar zu machen, bleibt das Museum am 15. Juni 1992 rund um die Uhr geöffnet. Ohne zusätzliche Beleuchtung kann das Publikum die Räume und den Ort im Licht der Sonne und des Mondes erleben. Das Licht als Medium der Wahrnehmung macht die Räume erst erfahrbar.

Im zentralen oberen Raum ist dann die eigentliche Arbeit „De Lucerna E“ installiert. Das zweiteilige Werk besteht aus zwei an grosse Bilderrahmen gemahnenden Holzgestellen, die auf der Vorderseite wie ein Gemälde mit Leinwand bespannt sind. Jede dieser Flächen ist monochrom bemalt, die eine schwarz, die andere weiss. Diese Objekte lassen sich nicht mehr eindeutig einem Gattungsbegriff zuordnen. Von der Konstruktion her stark an Gemälde erinnernd, sind die Rahmen auf der Rückseite – wie eine innenarchitektonische Struktur – in mehrere, geometrisch eingeteilte Fächer gegliedert, in die sich weitere möbelartige Elemente zusammengelegt verräumen lassen. Es sind dies vier Stühle, zwei Tische und zwei Betten, wobei die „Tisch- und Sitzflächen“ ebenfalls mit Leinwand bespannt und monochrom in rot, grün, blau oder weiss bemalt sind. Diese für die Arbeiten von Maria Nordman charakteristische Farbgebung greift auch wieder auf den Aspekt des Lichtes zurück: Rot, Grün, Blau sind die Grundfarben des additiven Farbsystems, deren Mischung Weiss ergibt.

Die beiden Elemente erinnern an ein kompaktes Möbelsystem, an ein mögliches Gästezimmer, das die nötigsten Grundbedürfnisse eines Bewohners oder zufälligen Gastes abdecken könnte. Als „Mobiliar“ konzipiert, lässt sich das Kunstwerk leicht transportieren, in Ausstellungen aufstellen und zumindest theoretisch als bewohnbare Einrichtung benützen. Dieser Aspekt der Mobilität entspricht auch dem Projekt der New conjunct city proposals, mit dem die Künstlerin immer wieder in verschiedenen Städten unterwegs ist. Der Übergang vom Kunstwerk zum Gebrauchsgegenstand erscheint fast fliessend, so wie Maria Nordman ihre Skulpturen ja auch im öffentlichen Raum (zudem sie auch das Museum zählt) inszeniert und die aktive Teilnahme der Besucherinnen und Besucher geradezu beabsichtigter Bestandteil des Werkes ist. Das Möbelkunstwerk, dessen einzelne Komponenten mit den Farben des RGB-Farbensystems gekennzeichnet sind, vertritt in dem Raum zusätzlich den Aspekt des Lichts, das die Räume erlebbar macht.

In den Fächern der Rückseite lassen sich auch zwei Schlitztrommeln, mit unterschiedlich geformten Öffnungen, aufbewahren, die für die Performance eingesetzt werden. Zwei Musiker spielen auf den Trommeln, geleitet und angeregt vom Rhythmus der Wellen des Vierwaldstättersees, der über Kopfhörer übertragen wird. So wird das organische Umfeld, der natürliche Aussenraum in den architektonischen Innenraum miteinbezogen und das Werk in der Umgebung verortet. Die Grenze zwischen Skulptur, Architektur und Musik ist fliessend: Die Umgebung wird somit zum integralen Bestandteil des Kunstwerks, das den Betrachterinnen und Betrachtern eine neue Wahrnehmung auf ihr Umfeld ermöglicht.

Agatha von Däniken