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Pin-up No. 94 (Venus von Binenwalde)
  • Anton Henning
  • Pin-up No. 94 (Venus von Binenwalde), 2005

  • Öl auf Leinwand
  • 157.5 x 189.5 cm
  • signiert und datiert unten rechts: "AH05", signiert und datiert auf Keilrahmen, mit Filzstift: "AH 2005-016"
  • Kunstmuseum Luzern
  • Inv.-Nr. 2005.29x
  • © 2007, ProLitteris, Zurich
  • Jahr von: 2'005
  • Jahr bis: 2'005
Werkbeschrieb
Provenienz
Ausstellungsgeschichte
Literatur
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Das Gemälde „Pin-up Nr. 94 (Venus von Binenwalde)“ ist einem einzigen Motiv gewidmet: Eine nackte Frau entsteigt einem dichten, dunkelgrünen Gewässer. Ihr Gesicht und ihren Oberkörper zeigt sie dem Betrachter, ihre Hände berühren sanft die Oberfläche des feuchten Nass’. Halb umspült, halb von Luft umweht, verrät der geschlossene Blick dieser Frau einen Moment der innehaltenden Wonne.

Anton Henning nimmt mit diesem Gemälde ein berühmtes Motiv der Kunstgeschichte auf. Die aus dem Wasser geborene Venus, Göttin der Liebe, wurde als jugendliche Schönheit mit rotem, wallendem Haar dargestellt, die nackt auf einer Muschel steht, dem Symbol für Fruchtbarkeit und Sinneslust. Entgegen den Gemälden bei Sandro Botticelli (1485), Tizian (um 1525), Alexandre Cabanel (1863) oder etwa William-Adolphe Bouguereau (1879) ist Hennings Venus gereift. Sie lässt keine jugentliche Erotik vermuten, sondern Erfahrung und sexuelle Selbstbestimmung. Ihre Herkunft ist nicht in der antiken Mytholgie zu suchen, sondern in den tiefen Kalkseen der Mark Brandenburg, wo sich die historische Gestalt einer schönen und fleissigen Sabine von Binenwalde bis ins 18. Jahrhundert belegen lässt. Selbst Theodor Fontane (1819-1898) erwähnt sie in seinem fünfbändigen Werk „Wanderungen durch die Mark Brandenburg" (seit 1862): „Auch die Historie ist leisen Fusses durch diese Gegenden hingeschritten, und in Binenwalde, am Ufer des Kalksees gehen die Geschichten davon von Mund zu Mund. Es sind Geschichten aus der Zeit von „Kronprinz Fritz. Von Rheinsberg aus herüberkommende und nach dem „Försterhaus im See" (seitdem verfallen; die Insel selbst zum Weideplatz geworden) das wohlbekannte Zeichen gebend, glitt ein Kahn aus dem Schilfgürtel hervor und der Stelle zu, wo der Prinz, unter den Zweigen einer überhängenden Buche, die schöne Sabine, das „Insel- und Försterkind" erwartete. Die schöne Sabine stand lächelnd-aufrecht im Kahn, das Ruder mit raschem Schlage führend, bis im nächsten Moment das Ruder an's Ufer und sie selbst dem Harrenden entgegenflog."

Dieses grossformatige Gemälde reiht Henning nicht nur als „Pin-up Nr. 94“ in sein umfangreiches Bilderarsenal ein, in dem er wiederholt eigene, oder Motive aus der Kunstgeschichte kopiert, kombiniert und weiter entwickelt. In diesem Bild zelebriert er auch die Lust an der Malerei mit der Lust am weiblichen Körper. Ohne voyeuristisch zu sein schafft hier der Maler mit Pinsel und Farbe ein Modell, das sich wie Pygmalions Galatea zu verselbständigen scheint. Mit ihren Händen wühlt die nackte Schöne in jenen Farben, die sie eigentlich hervorbringen – sie verlässt ihr Farbmeer, wird körperlich und doch wieder zum Bild ihrer selbst.

Susanne Neubauer