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Die Wäscherin
  • Ferdinand Hodler
  • Die Wäscherin, 1874

  • Öl auf Leinwand
  • 65 x 48 cm
  • signiert und datiert unten rechts: "1876 . F. Hodler", sowie links (übermalt): "Hodler"
  • Kunstmuseum Luzern, Eigentum der Schweizerischen Eidgenossenschaft, Gottfried Keller-Stiftung, Bern
  • Inv.-Nr. EM 2008.4x
  • © Kunstmuseum Luzern
  • Jahr von: 1,874
  • Jahr bis: 1,874
Description
Provenance
Exhibition History
Bibliography
Other

Das Bild zeigt eine Frau bei der Handwäsche, sie hat den Kopf leicht zur Seite gewendet, um dem Knaben, der im Hintergrund am Boden kauert, ihre Aufmerksamkeit zu schenken. Dieser ist in ein Spiel versunken. Eine Decke ist am Boden ausgelegt, konzentriert blickt der Junge, den wir im Profil sehen, auf die Szenerie, die er vor sich auf der Decke ausgebreitet hat. Das Bild ist insgesamt in einer dunklen Tonigkeit gemalt, Kopf und Hände der Frau sind ins Licht gerückt, die Wand im Hintergrund ist beleuchtet. Der Standort des Betrachters ist frontal zur Frau, die links von der Bildmitte steht. Die Lichtquelle befindet sich ausserhalb des Raumes, eigentlich dort, wo der Maler gestanden haben müsste, als er die Szene erfasste. Mit seinen Augen blicken wir in diesen einfachen Raum hinein, der wie eine offene Kiste wirkt. Der Bildausschnitt ist aussergewöhnlich: Auf der linken Seite und am unteren Rand hat Hodler eine zusätzliche Bildgrenze in sein Gemälde integriert, so als sollte die Trennung zwischen dem Standort des Malers und dem Geschehen im Raum verdeutlicht werden. Dieser Kniff ist für Hodlers Figurendarstellungen der Frühzeit untypisch, durch ihn wird der Frau mit dem Kind ein eigener Raum zugewiesen, der eine Intimität gewährleistet und gleichzeitig eine Distanz zum Maler schafft. Diese Konstellation vermeidet Hodler in anderen Bildern explizit, wenn er den Betrachterstandpunkt in unmittelbarer Nähe zu den Dargestellten, nicht selten in leichter Aufsicht, wählt.

Auffällig sind die starken Helldunkelakzente und die vorherrschenden Brauntöne, die uns unmittelbar die niederländische Malerei in Erinnerung rufen, wie sie Hodler durch Barthélemy Menn kennengelernt hatte. Hodler war gegen Ende des Jahres 1871 nach Genf gekommen, um dort die Alpenbilder von Diday und Calame zu kopieren. Menn war 1872 dem Maler beim Kopieren im Musée Rath begegnet, nahm ihn als Freischüler auf und spornte ihn an, sich anhand von Rembrandt-Reproduktionen aus seinem „Foto-Museum von Meisterwerken der Malerei“ selbst in der Helldunkelmalerei zu üben. Diese Beschäftigung mit der seit der Renaissance praktizierten Methode, die Körperlichkeit der Figuren zu steigern, sehen wir im Gemälde „Die Wäscherin“ durchaus exemplarisch verwirklicht. Dies mag ein Grund dafür gewesen sein, dass die auf dem Bild angebrachte Datierung „1876“, die überdies später angebracht worden sein muss, angezweifelt wurde.

Erstmals erwähnt wird das Bild 1912 in einer Rezension von Johannes Widmer zur Ausstellung bernischer Künstler im Kursaal Interlaken: „Bedeutend ist Hodler auch hier vertreten, mag auch die halbe Welt sonst noch Werke von ihm sehen. Sein ältester Stil, der harmonisch braune Innenton und die ruhig angesehene Gebärde, erscheinen in einem Werk aus dem Jahre 1876, einer ‚Wäscherin’.“ 1923 zieht Ewald Bender die von Hodler erst später angebrachte Datierung „1876“ in Zweifel, und setzt sie in die Zeit „um 1874“ an, was dann ausser von Hans Mühlestein und Georg Schmidt, die den Künstler nicht belehren wollten, allgemein in der Literatur akzeptiert wurde. Dennoch bleiben Fragen, die die Datierung betreffen, offen. So schreibt Jura Brüschweiler – leider ohne die Quellen zu nennen – in seiner 1983 verfassten Chronologie, dass Hodler zwei Bilder gemalt habe, auf denen der junge Albert Trachsel dargestellt sei, und erwähnt in diesem Zusammenhang „Die Wäscherin“. In seinem ein Jahr später geschriebenen Text über Trachsel verweist er dann nur noch auf das Kleinformat „Knabe am Ofen“ (Öl auf Papier, auf Karton, auf Holz, 20 x 28.5 cm, Privatbesitz), das nach der zufälligen Begegnung Hodlers mit dem Nachbarsjungen Albert Trachsel im Winter 1872/73 entstanden war. Auch Trachsel selbst erwähnt in seinen autobiografischen Schriften nur das eine Bild, das Hodler von ihm malte. Falls die Datierung „um 1874“ für „Die Wäscherin“ angenommen wird, wäre Trachsel als zehnjähriger Knabe dargestellt. Der Knabe dürfte hier aber wohl kaum älter als acht Jahre sein. Die Zuschreibung auf Albert Trachsel kann mit der Datierung nicht in Einklang gebracht werden. Die Bestimmung der Dargestellten bleibt offen.

Mehr Kenntnis haben wir über die Provenienz des Bildes. 1917 ersucht Wilhelm Wartmann, Direktor des Kunsthauses Zürich, den damaligen Besitzer Hermann Wyder (1862–1932), Gemeindepräsident von Interlaken, um die Leihgabe von zwei Gemälden für die grosse Retrospektive im Kunsthaus Zürich und lässt in seinem Brief auch eine Empfehlung Hodlers einfliessen: „Hodler legt auf die Thunerseelandschaft, die sich bei Ihnen befinden soll, sehr grossen Wert und rühmt noch fast mehr die Wäscherin.“ Wann genau Wyder das Gemälde erwarb ist nicht bekannt. Wyder war jedoch als Kurdirektor auch Mitorganisator der „Ersten Internationalen Kunstausstellung“ im Kursaal Interlaken 1909, für die sich Hodler als Zugpferd einspannen liess. Als Eigentümer des Hotels „National“ und als Verwaltungsrat der Kursaal-Gesellschaft hatte er ein vitales Interesse an dieser Ausstellung. Neben der „Wäscherin“ besass Wyder das Gemälde „Ansicht des Thunersees von Breitlauenen“ von 1906 und sein eigenes, 1908 entstandenes Bildnis. Mit Hodler war er also schon länger bekannt. 1912 wurde „Die Wäscherin“ in Interlaken ausgestellt und im Katalog ohne Preisangabe vermerkt, was auf eine Leihgabe aus Privatbesitz hinweist. 1921 gehört das Bild jedoch gemäss dem Werkverzeichnis von Carl Albert Loosli bereits dem Berner Eisenhändler A. Wittlin. An die Auktion im Jahre 2008 gelangte das Bild schliesslich aus dem langjährigen Besitz einer Küsnachter Familie.

Christoph Lichtin