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Hommage à Duchamp
  • René Bauermeister
  • Hommage à Duchamp, 1976

  • U-Matic, s/w, Ton
  • signiert auf Kassette, mit Kugelschreiber: "Bauermeister"
  • Kunstmuseum Luzern
  • Inv.-Nr. 83.16:2v
  • © Fondation René Bauermeister
  • Jahr von: 1'976
  • Jahr bis: 1'976
Werkbeschrieb
Provenienz
Ausstellungsgeschichte
Literatur
Weiteres

Die Versuchsanordnung, die im Video „Hommage à Duchamp“ zu sehen ist, erinnert an eine Videoüberwachung auf engstem Raum. Sie zeigt einen Tisch, auf dem sich rechts eine Glasscheibe und links ein Fernseher befinden. Auf dem Bildschirm wird die Sicht einer Videokamera wiedergegeben, welche die Glasscheibe aus der Vogelperspektive filmt. Es handelt sich dabei um eine sogenannte Closed-Circuit Situation. Bauermeister beginnt mit einem Hammer auf die Glasscheibe einzuschlagen, bis man auf dem Monitor erkennen kann, dass sie zerbrochen ist. Bauermeister beginnt nun Stück für Stück die Glasscherben mit Leim zu bestreichen und auf die intakte Glasscheibe des Monitors zu kleben. Dies wirkt auf die Betrachtenden, als würden Scherben, die im Innern des Monitors zu sehen sind, nach Aussen transportiert. Bauermeister kommt nur sehr langsam voran, Schritt für Schritt klebt er die Stücke an, bis sich die ganzen Scherben zu einer weiteren Glasscheibe zusammengefügt auf dem Monitor befinden und das gefilmte Bild dahinter einen leeren Raum zeigt. Nach verrichteter Arbeit schaltet Bauermeister den Monitor aus, das Bild wird schwarz.

Es ist nicht die erste Arbeit Bauermeisters, die sich mit dem Bildschirm des Fernsehers befasst. Bereits in seiner frühen Videoarbeit „Support Surface“ (KML 83.16:4v) thematisiert er die Scheibe des Monitors Bild, indem er sie mit verschiedenen Mitteln zu durchbrechen versucht. Bauermeister will damit unsere Fernsehgewohnheiten thematisieren und hinterfragen. Die Möglichkeit der direkten Übertragung von gefilmten Bildern auf den Bildschirm, der dem Medium Video eigen ist, setzt er in seinen Arbeiten immer wieder ein. In „Hommage à Duchamp“ dient sie ihm dazu, die gewohnten Zeit- und Raumachsen zu durchbrechen. Die kaputte Scheibe, die sich scheinbar im Innern des Monitors befindet, ist am Ende als ganze Scheibe vor dem Gerät zu sehen.

Bauermeister würdigt mit der Arbeit nicht zuletzt den Künstler Marcel Duchamp (1887–1968), dessen Œuvre für einen grossen Teil der Kunst des Zwanzigsten Jahrhunderts massgebend ist. Duchamp hat in den 1910er Jahren Wege gesucht, um von der traditionellen Malerei wegzukommen. Experimente mit verschiedenen Materialien auf Glas haben ihn schliesslich zu seinem Hauptwerk, einer grossen, mit unterschiedlichsten Materialien (Staub, Metalle, Körperflüssigkeiten, usw.) bemalten Glasscheibe, dem sogenannten „Grossen Glas“ geführt. Nachdem auf einem Ausstellungstransport das Werk in Bruch gegangen war, hat Duchamp in monatelanger Arbeit Scherbe an Scherbe geklebt.

Bauermeister kommentierte die inhaltliche, wie formale Auseinandersetzung mit Duchamp, der als leidenschaftlicher Schachspieler galt, mit folgendem Zitat: „Indem ich dieses Videogramm realisierte, hatte ich das Gefühl, eine harte Partie Schach zu spielen; der Einsatz war eine unwiderrufliche Begegnung des Ungleichgewichtes in der Zeit.“ (Ausstellungskatalog „Video und Performance“, 1980)

Genauso wie es einst Duchamp geschafft hat, die ganze Kunstauffassung aus dem Gleichgewicht zu bringen, gelingt es nun der Videokunst, in der Geschichte der Kunst einen neuen Meilenstein zu setzen. Der Künstler Bauermeister ist an diesem Prozess beteiligt. Seine Beteiligung zeigt er, indem er das „Grosse Glas“ in den medialen Raum transformiert und damit an die Leistungen Duchamps für die Kunst des 20. Jahrhunderts erinnert.

Nelly Jaggi