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Ohne Titel (Lackskin)
  • André Thomkins
  • Ohne Titel (Lackskin), um 1980/81

  • Lackfarbe auf Papier
  • 250 x 200 cm
  • nicht bezeichnet
  • Kunstmuseum Luzern
  • Inv.-Nr. 2006.117y
  • © 2007, ProLitteris, Zurich
  • Jahr von: 1'980
  • Jahr bis: 1'981
Werkbeschrieb
Provenienz
Ausstellungsgeschichte
Literatur

Per Zufall, so der Künstler, sei er auf die „Lackskins“ gestossen und zwar 1955 beim Streichen eines Kinderbettes in seiner Wohnung in Essen. Die Technik ist eine Eigenkreation, die er aus einem Verfahren der Buchbinderei entwickelt hatte. In eine mit Wasser gefüllte Wanne lässt der „Alchimist“ mit Stäbchen Lackfarbe tröpfeln. Der Wasser abstossende Lack auf der Oberfläche verteilt sich und bildet eine Farbhaut.

Obwohl der Faktor Zufall bei diesem Verfahren eine wesentliche Rolle spielt und sich viele Bildteile unbeabsichtigt ergeben, gibt es Möglichkeiten direkt in den Prozess der Bildwerdung einzugreifen und die Verteilung des flüssigen Lacks zu steuern: Mittels Pusten, Blasen oder mit einer mit Nitroverdünner gefüllten Spritzpistole kann die Lackhaut auseinander gesprengt oder die Lackfäden zerschnitten werden. Dem Wasser beigemischte Chemikalien können die Struktur der Muster beeinflussen. Ist der Vorgang der Verteilung für den Künstler abgeschlossen, nimmt er mit einem Blatt Papier den auf der Oberfläche schwimmenden Farbfilm auf. Mit dieser Technik gelangt Thomkins von der linearen Zeichnung zur abstrakten Malerei, zur Synthese zwischen Figuration und Abstraktion. Er schafft fantastische Bildwelten, in denen mikro- und makrokosmische Strukturen und Gebilde enthalten sind, die an bizarre Landschaften, Figuren und Gesichter, an Pflanzen und Tiere erinnern.

Thomkins experimentierte in der Hauptsache in den 1960er Jahren mit der Lackskin-Technik. Zur wohl bekanntesten Serie gehören die "Astronauten". Rund zwanzig Jahre später entstanden neben kleineren Arbeiten vor allem Köpfe und schlierenartige abstrakte Figurationen. Das vorliegende monumentale Werk, das durch seine räumliche Wirkung besticht, nimmt Züge der früheren Lackskins auf. Deutlich treten die beiden säulenartigen Formen auf der linken Bildhälfte in Erscheinung. Sie erinnern an Stalagmiten und Stalagtiten in Tropfsteinhöhlen. Einige Bildflächen grenzen sich durch eine präzis geschnittene Linie von den Nachbarflächen ab. Sie sind mit reliefartigen feinen Linien versehen (vergleichbar mit Holzfaserungen und anderen organischen Strukturen) und wirken durch ihre nuancierten Farbabstufungen in Grau- und Beigetönen sehr plastisch.

Wie in zahlreich anderen Arbeiten Thomkins findet auch hier ein Wechselspiel von künstlerischen und natürlichen Kräften statt: Idee und Absicht vermischen sich mit dem Moment des Zufalls zu einem erzählerischen Werk. Das Thomkins'sche Verfahren ist der Technik des Marmorierens sehr ähnlich, mit dem Unterschied, dass der Lack nicht flüssig bleibt, sondern auf der Wasseroberfläche festklebt und erstarrt. Die Lackfarbe verwendete der Künstler auch für seine "Scharniere", eine Abwandlung der Lackskins, die mit dem Abklatschverfahren vergleichbar sind und an Klecksographien (Rorschachtest) erinnern.

Cornelia Ackermann