deutschenglisch
Aléatoire I et II
  • René Bauermeister
  • Aléatoire I et II, 1978

  • U-Matic, s/w, Ton
  • signiert auf Kassette, mit Kugelschreiber: "Bauermeister"
  • Kunstmuseum Luzern
  • Inv.-Nr. 83.16:1v
  • © Fondation René Bauermeister
  • Jahr von: 1'978
  • Jahr bis: 1'978
Werkbeschrieb
Provenienz
Ausstellungsgeschichte
Literatur
Weiteres

In der Videoarbeit „Aléatoire I et II“ ist links die linke und rechts die rechte Gesichtshälfte von Jacques Monnier-Raball, einem Lausanner Intellektuellen, auf einem Bildschirm zu sehen. Der Bildschirm wird dabei nach der Methode der Split-Screen vertikal in zwei genau gleich grosse Hälften geteilt. Damit können unterschiedliche Bilder auf einem Monitor wiedergeben werden. Monnier-Raball beginnt damit, seine Kopfbewegungen zu kommentieren. Er macht sich Gedanken zu verschiedenen Themen, so erinnert ihn die Situation an Mischwesen und er denkt über die beiden Hirnhälften und deren unterschiedliche Fähigkeiten nach. Am Ende vergleicht er sich mit den Figuren auf Spielkarten. Diese zeigen einerseits zwei Gesichter, andererseits sind sie unterschiedlich mächtig, indem der König beispielsweise über dem Buben steht. Daraus resultieren je nach Identität unterschiedliche Machtgefüge, die Monnier-Raball in seinem Monolog thematisiert.

Kurz verschmelzen die beiden Gesichtshälften zu einem ganzen Gesicht, um sogleich erneut beunruhigende Gesichtskompositionen zu bilden. Die Entsprechung der Gesichtshälften zur Symmetrieachse des Bildschirmes funktioniert nicht. Neben der visuellen Verschiebung kommt eine sprachliche hinzu. Beide Hälften sprechen denselben Text, es kommt dabei auf der akustischen Ebene zu gleichen Überlagerungen wie auf der optischen. Beide Gesichtshälften haben ihre eigene Identität, sie sprechen nicht von einem „wir“, sondern je von einem „ich“ und einem „er“.

Bauermeister hat zuerst den linken Teil des Screens gefilmt. Danach hat er das Video seinem Akteur Monnier-Raball vorgeführt und dieser hat die gleiche Szene dazu erneut vor der Kamera gespielt. Monnier-Raball hat versucht, seine Bewegungen und seine Worte der ersten Version so gut wie möglich anzupassen. Danach hat Bauermeister die beiden Videos so aneinander gefügt, dass die linke Gesichtshälfte aus dem ersten Video und die rechte aus dem zweiten Video ein neues Gesicht bilden.

Es existieren zwei Versionen des Videos, die sich lediglich durch Details unterscheiden, es handelt sich um zwei unterschiedliche Aufnahmen nach gleichen Vorgaben. "Aléatoire I et II" macht deutlich, wie gut sich Raum und Zeit mit Video manipulieren lassen. Die zeitliche und räumliche Verschiebung, die bei der Entstehung wesentlich war, wird durch die Montage aufgehoben. Bauermeister betont bei allen seinen Videoarbeiten, wie wichtig es ihm ist, dass das Medium und der Inhalt in einem Zusammenhang stehen: „L’image éléctronique décompose votre image pour le recomposer.“ („Künstler-Vidéos“, Kunsthaus Zürich, 1995) Mit dieser Feststellung, dass die Wiedergabe eines Bildes auf dem Monitor eine Zusammensetzung von elektronischen Signalen zu einem Bild ist, nimmt Bauermeister das Thema der Identität auf einer weiteren Ebene auf. Bauermeister vertauscht die elektronischen Signale: Das elektronische Bild nimmt das reale Gesicht auseinander, um es auf dem Bildschirm erneut zu einem Gesicht zusammenzusetzen. Wenn sich Monnier-Raball in seinem Monolog nun mit Identitäten befasst und für die Betrachter unmittelbar präsent wirkt, so sind es letztlich doch nur elektronische Signale, deren Komposition den Eindruck eines Gegenübers ergeben.

Nelly Jaggi