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Vor Ostern
  • Johannes Itten
  • Vor Ostern, 1966

  • Öl auf Leinwand
  • 100 x 150 cm
  • signiert und datiert unten rechts: "Itten 1966" und verso: "Itten/1966"
  • Kunstmuseum Luzern, Eigentum der Schweizerischen Eidgenossenschaft, Bundesamt für Kultur, Bern
  • Inv.-Nr. D 85.35x
  • © 2008, ProLitteris, Zurich
  • Jahr von: 1'966
  • Jahr bis: 1'966
Werkbeschrieb
Provenienz
Ausstellungsgeschichte
Literatur
Weiteres

Das Querformat "Vor Ostern" (KML D 85.35x) aus dem Jahr 1966 – eine für Johannes Ittens Alterswerk typische geometrische Bildkomposition – ist in unterschiedlich grosse, konstruktiv gestaltete Quadrat- und Rechteckfelder eingeteilt. Helle, frische Farben wie Gelb und Grün werden von Violett- und Blautönen begleitet. Dunkle Farbflächen wie die violetten Quadratraster in der linken unteren Bildecke, der durchgezogene violette Balken unten rechts sowie der sich nicht genau in der Mitte befindende Streifen am oberen Bildrand begrenzen das Gemälde nach aussen, stützen es und halten die helleren, kleinteiligeren Farbfelder zusammen. Im Mittelpunkt des Bildes befindet sich ein in violette Felder unterteiltes Quadrat. Blaue, weisse und hellgelbe, über die Gesamtfläche verteilte Formeinheiten setzen ausgleichende wie auch belebende Akzente.

Das bereits im Frühwerk des "Barmherzigen Samariters" (KML E 78x) anklingende Bestreben, die Farb- und Formgestaltung, unter anderem durch Verwendung von Hell-Dunkel-Kontrasten, mit symbolischem Inhalt aufzuwerten, ist für Ittens konstruktive Kompositionen grundlegend. Die Bedeutung expressiv verwendeter Farben und Formen als Träger des Ausdrucks und des Erlebten theoretisiert er in zahlreichen Schriften. Durch stete Auseinandersetzung mit östlichen Lehren, Religionen wie auch der zeitlebens geführten Beschäftigung mit Tod und Leben begreift Itten die Natur im Zyklus von Werden, Sein und Vergehen. Der Wandel der Jahreszeiten, die der Natur innewohnende rituelle Wiederholung, entspricht den Lebensrhythmen von Kindheit, Jugend, Reifezeit und Alter. Dieses natürliche Ritual des Auf- und wieder Verblühens motiviert den Menschen zum Glauben an die Reinkarnation. Johannes Itten stellt die erlebte und in der Natur beobachtete Landschaft dar, reduziert diese jedoch auf eine abstrakte, geometrische Komposition. Sich vom Materiellen lösend – dem einfach und visuell Kontrollierbaren – überhöht er seine Arbeiten durch den Abstraktionsprozess ins Geistig-Übersinnliche. In "Kunst der Farbe" (1961) beschreibt er, welche Bedeutung die jeweiligen Farben und Formen gegenüber den Jahreszeiten einnehmen: Das jugendlich helle Strahlen und Spriessen der Natur verheisst den Frühling. Die Farbe Gelb kommt dem weissen Licht am nächsten, Gelb, Rosa sowie Lila erinnern an keimende Pflanzenspitzen, und Farbfeldmodulationen dienen zur Orientierung auf der Erde. Das mit "Vor Ostern" betitelte Gemälde verweist einerseits auf den Frühling, andererseits auf die Zeit vor einem der wichtigsten und ältesten Hochfeste des Christentums – die Karwoche. Die Liturgie schreibt jedem christlichen Fest im Kirchenjahr eine Farbe zu, die auf Priestergewändern, Tüchern oder Schmuck zur Geltung kommt wie auch eine Sinneswirkung auf Bewusstsein und Stimmung ausüben soll. Violett als Symbol für Übergang und Verwandlung wird der Zeit der Passion ab Aschermittwoch bis Ostern zugeordnet, nur der Gründonnerstag unterbricht mit Weiss – für Lob und Hoffnung stehend – die Trauer. Der Karfreitag wiederum erscheint in Schwarz oder Violett, und Ostern, der Tag der Auferstehung Jesu vom Tod erstrahlt im Licht symbolisierendem Weiss.

Johannes Ittens religiöse Haltung spiegelt sich nicht nur im Titel, sondern ebenso in den Farben wider: Violettklänge werden von einzelnen weissen oder hellgelben Quadraten durchbrochen. Die violetten Farben vergegenwärtigen Transzendenz; die hellen Farben und das Weiss versprechen Hoffnung und Auferstehung. Als Itten "Vor Ostern" malt ist er 78jährig. Das Gemälde kann als Sinnbild für Tod und Wiedergeburt gelesen werden und steht als Frühlingsbild am Beginn des Zyklus von Werden und Vergehen und bietet somit Ausblick auf ein Weiterleben.

Barbara Hatebur