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Rolle
  • Ilse Weber
  • Rolle, 1974

  • Bleistift auf Papier
  • 49.6 x 64.9 cm
  • signiert und datiert unten rechts: "I. Weber 74"
  • Kunstmuseum Luzern
  • Inv.-Nr. 81.95y
  • © Nachlass Ilse Weber
  • Jahr von: 1'974
  • Jahr bis: 1'974
Werkbeschrieb
Provenienz
Ausstellungsgeschichte
Literatur
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Das Werk mit dem Titel „Rolle“ zeigt ein mit Bleistift wiedergegebenes, zusammengerolltes Papier auf weissem Hintergrund. Über die diagonal präsentierte Rolle ziehen sich feine Linien, die sich an drei Stellen konzentrierter sammeln. Jede Ansammlung wird jeweils in zwei Arme geteilt und über die Rolle bis auf den Bildgrund gezogen, wo die Striche auslaufen und versiegen. Diese feinen Linien wecken Assoziationen an fliessende Gewässer, an sich teilende Flussarme, an Haare oder feine Wurzeln.

Die Werke Webers in der Sammlung des Kunstmuseums stammen aus ihrem Spätwerk, das in den 1960er Jahren einsetzt. In ihrem Frühwerk herrscht das Medium der Malerei vor, mit dem sie sich idyllischen Themen einer heilen Welt widmet, typisch dafür sind die vielen Darstellungen ihrer Tochter. Marie-Louise Lienhard, Tochter der Künstlerin sowie Kunsthistorikerin, spricht von zwei Phasen im künstlerischen Schaffen ihrer Mutter: Einerseits die „solide, konventionelle Malerei der jungen Jahre“ während mehr als zweieinhalb Jahrzehnten sowie andererseits „der eigenartige spätere Alleingang“ ab dem fünfzigsten Lebensjahr, der für die Kritik relevant ist. Ihr frühes Schaffen, das im Kontext eines regionalistisch gestimmten, konservativen Kunstschaffens Ende der 1950er zu sehen ist, findet in der Literatur kaum Beachtung. Gegenständlichkeit und Idyllik dominieren und rufen ein Reich des Friedens, des Glücks und der Harmonie hervor. Als Reaktion auf die damalige Realität der Wirtschaftskrise, der Industrialisierung, der Kriegsgefahr und des sozialen Wandels bietet diese Kunst eine die Wirklichkeit ignorierende Phantasiewelt an.

In ihrem Spätwerk wendet sie sich von der Idylle ab und gelangt über eine Umbruchphase in einem expressiveren, immer noch gegenständlichen Malstil, zu einer nach Hans-Jörg Heusser (1992) assoziativen Metaphernsprache, in der sich unklare Gefühle sowie Erinnerungen durch Analogien verdichten. Die Metaphern der Behausung, des Baumes, des Wachstums sowie des Fliessens wiederholen sich in ihren Arbeiten: Selten erfindet Weber sie, sondern entwickelt sie aus Material, das ihr die Wirklichkeit, Fotos oder Kunstwerke bieten. Für den Bildfindungsprozess dienen der Künstlerin ihre Material- und Skizzenbücher, die sie seit den späten 1950er Jahren anlegt. Somit schöpft sie in ihrer späteren Schaffensperiode aus ihren Erfahrungen des Frühwerks. Diese Verlagerung zu einer Innensicht veranlasst Weber zwar, sich dem Medium der Zeichnung zuzuwenden, da ihr dieses Mittel ermöglicht, Gedanken und Gefühle sensibler festzuhalten. Die Gegenständlichkeit ihrer konventionellen Malerei aber bleibt in Form der realen Bildbestandteile wie Häuser, Bäume, Tiere und Menschen sowie Flüssen in ihren späteren Arbeiten bestehen.

Die dargestellte Rolle bildet einen solchen realen Bildbestandteil. Der bescheidene Gegenstand stammt aus Webers bildnerischem Fundus, wird von ihr aufgenommen und weiterverarbeitet. Zu dieser sichtbaren Wirklichkeit tritt eine gleichberechtigte Innenwelt, die sich im Medium der Zeichnung adäquater ausdrücken lässt. Die reale Rolle sowie die darüber gelegten Haare oder Wasserläufe aus Webers persönlichem Andenken an Erlebnisse und Personen fliessen ineinander. Die traumhafte Komposition wirkt beinahe zerbrechlich und inspiriert durch ihre kaum zu entschlüsselnde Sprache die Phantasie der Betrachterinnen und Betrachter.

Karoliina Elmer